Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2016/17

Veranstaltungsnr.: 40638 (Grundseminar)

Gustave Courbet als Paradigma der Kunsthistoriographie der Moderne

Zeit:
Mi. 16-18
Raum/Ort:
GA 04/711
Beginn:
26.10.2016
Workload:
60h, 180h oder 240h
Kreditpunkte:
2, 6 oder 8 CP

Inhalte:
Ziel des Seminars ist es, einerseits anhand von ausgewählten Werkbeispielen Einblicke in Courbets Oeuvre, seine Technik und Motivik zu geben und den Kontext herauszuarbeiten, in dem er wirkte; andererseits soll Courbets Schlüsselstellung für die Konstituierung der ästhetischen Moderne aufgezeigt und die mit ihm verbundenen Narrative, d.h. kunsthistoriographische bzw. kunsthistorische Zugangs- und Rezeptionsweisen reflektiert werden; auf letzterem Aspekt liegt der Fokus des Seminars.
Das in der Forschung bereits nachgezeichnete zeitgenössische Echo auf seine Werke war immens; seine Gestaltfindungen setzen nicht nur wegen ihrer Darstellungsinhalte, sondern auch ob ihrer Darstellungsweise, aufgrund ihres Formats, ihrer Farben und Formen, soziale Ängste frei; kontroverse Debatten führten bis hin zu ikonoklastischen Aktionen. Umso erstaunlicher, dass unmittelbar nach dem Tod des Malers bereits die Ikonisierung vieler seiner Werke einsetzte und Museen wie der Louvre sie ankauften und ausstellten. Dabei wurde nicht nur versucht, den u.a. wegen des vermeintlichen Sturzes der Vendôme-Säule staatlich verfolgten und schließlich im Exil gestorbenen Courbet zu rehabilitieren, sondern auch ihn zu nationalisieren, und ihn nach der General-Amnestie der Kommunarden 1880 in eine genuin französische Malereitradition zu integrieren. Interessant ist demgegenüber, dass um 1900 auf Seiten deutschsprachiger Kunstkritik ebenfalls das Bemühen zu beobachten ist, Courbet für die eigene Kunstgeschichte zu vereinnahmen, ihn etwa aufgrund seines Habitus, seiner grenznahen Heimat und seiner Farbgebung „einzudeutschen“. Über die von Linda Nochlin 1982 aufgeworfene Frage der Entpolitisierung bzw. Politisierung des Künstlers und seiner Werke wäre hier zu diskutieren. Die ideologische Vereinnahmung Courbets seitens der deutschsprachigen Kritiker gipfelte in den 1930/40er Jahren schließlich in der materiellen Vereinnahmung: Im Zuge ihrer Besetzung von Paris zeigten die Nazis ein auffallendes Interesse an den Landschafts-, Jagd- und Blumenbildern Courbets und stahlen gerade diese für ihre eigenen Sammlungen. Nach dem Krieg wird Courbet dann in Ost- und Westdeutschland auf unterschiedliche Weise rezipiert und erneut ideologisch besetzt. Die Wirkung von Louis Aragons Studie „Das Beispiel Courbet“ im ostdeutschen Raum ließe sich beispielsweise mit den sozialgeschichtlichen Forschungsinteressen und -fragen, wie sie in den 1970/80er Jahren im westlichen Raum geführt wurden, korrelieren und somit auch die jüngste Kunstgeschichtsschreibung in ihren Parametern und Prämissen exemplarisch historiographieren und untersuchen. Dabei könnte für letztgenannten Raum durchaus binnendifferenziert werden, indem die unterschiedlichen Zugänge zu Courbet in der westdeutschen, französischen und US-amerikanischen Courbet-Forschung – hier etwa ausgehend von Clement Greenberg – erstmals rekonstruiert werden könnten.
Diese wechselvolle Rezeptionsgeschichte macht Courbet und sein Werk zu einem Paradigma dafür, der Frage nach Emotionen in künstlerischen Formen nachzugehen und nach der jeweiligen historischen Determination und Bedingtheit künstlerischen Ausdrucks zu fragen.
Sich mit Courbet zu beschäftigen bedeutet, sich mit grundlegenden Fragen der (Kunstgeschichte der) Moderne zu befassen; an seinem Beispiel lassen sich Moderne-Diskurse erhellen.
Voraussetzungen für die Vergabe von Kreditpunkten:
Die An- und Abmeldung zu der Veranstaltung erfolgt vom 12. September (ab 12 Uhr) bis zum 30. Oktober (bis 18 Uhr) über CAMPUS. Danach sind Anmeldungen nicht mehr möglich.

Die versierte, eigenständige Nutzung wissenschaftlicher Diskursformen in Wort und Schrift (Produktion und Rezeption) wird stets optimiert und in der Gruppe reflektiert. Die kommunikativen Fähigkeiten werden zudem durch eine vor Originalen geschulte Wahrnehmung auf fortgeschrittenem Niveau ausgebaut. Wissens- und Kompetenzerwerb und die damit einhergehende Kreditierung setzt daher die kontinuierliche aktive Teilnahme am dialogischen Austausch im Plenum voraus.

Die Übernahme seminarischer Beiträge wie Referate oder mündl. Prüfungen sind als Studienleistung verbindlich. Sollten Sie einen Termin ohne triftigen Grund versäumen oder kurzfristig absagen, wird die Leistung mit „nicht ausreichend“ bewertet. In CAMPUS erfolgt der Eintrag „nicht bestanden“. Dies gilt auch für geleistete Beiträge, die nicht den Ansprüchen eines kleinen Leistungsnachweises genügen.