Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2012/13

Veranstaltungsnr.: 40605 (Vorlesung)

New Media – New
 Audiences? Betrachter und Publikum in der Kunst seit 1960

Zeit:
Do. 14-16h
Raum/Ort:
GA 03/142
Beginn:
18.10.2012
Workload:
60h
Kreditpunkte:
2 CP

Inhalte:
In der Kunst um 1960 verschieben sich die Gewichte vielfach vom Werk auf dessen Betrachter, wie es etwa Michael Frieds berühmte Kritik an der Minimal Art impliziert. Diese sei wesentlich für ein Publikum da, insofern sie eine dem Betrachter übereignete Situation schaffe. In welcher Weise aber hat die parallel entstehende Medienkunst an dieser Verschiebung Anteil? Auffallend viele künstlerische Arbeiten, die früh auf die neuen Medien zugreifen, machen Betrachter und Publikum direkt zum Thema. Inwiefern erscheinen demnach gerade die (Kamera)Medien, ihre apparative Struktur und distributiven Kanäle geeignet für eine regelrechte Umkehrung der Blickrichtung, die die Betrachter nicht selten selbstreflexiv ins Bild setzt? Nachdem sich das bürgerliche Kunstpublikum zuerst mit der Institution Museum ausgeprägt hat und es nach Fried im Zuge der Betrachterausrichtung der Minimal Art vom Modell des Theaters unterwandert wird, bleibt vor diesem Hintergrund zu fragen: Inwiefern adressieren und rekonfigurieren die neuen Medien der Kunst den Betrachter auf neue, je spezifische Weise? Wo und in welcher Form gelangt das Publikum unter diesen Vorzeichen zur Sichtbarkeit und zu einer Rückversicherung seiner selbst?
Der Fokus auf derartige Beispiele eignet sich besonders, um wesentliche Entwicklungslinien der Medienkünste aufzuzeigen und zugleich Forschungsfragen zur bislang nicht systematisch medienvergleichend untersuchten Rolle des Betrachters einzubeziehen. Ein Grund für dessen häufige selbstreflexive Thematisierung ist sicher darin zu vermuten, dass sich die künstlerische Expansionsbewegung der 1960/70er Jahre gerade auch mithilfe der Medien neue Publika zu erschließen bzw. Austauschprozesse mit einer kunstexternen Öffentlichkeit zu initiieren versuchte. Von besonderem Interesse ist hierbei, inwieweit (Massen)Medien Vehikel für eine Erweiterung der Kunstöffentlichkeit sein können, während sich umgekehrt die Medienkunst gerade anfangs dezidiert als Fernsehkritik bezogen u.a. auf dessen Publikums-/Betrachterstruktur konturiert. Entsprechend liefern auch das Expanded Cinema und die künstlerische Seite der Videokultur eher Gegenentwürfe zum Kino bzw. zum (Kassetten)Fernsehen, so dass es in der Kunst eher um Experimente mit alternativen Verwendungsmöglichkeiten der Medientechniken geht.
Aufschlussreich für die Analyse und Einordnung erweisen sich vor allem Korrelationen von Individuum und Gruppe bzw. Masse, von Medien des Nahen und des Fernen, neue Formen der psycho-physischen Involvierung des Betrachters durch apparative Einbindung sowie damit zusammenhängende Aufmerksamkeitsökonomien. Insgesamt bleibt zu prüfen, inwieweit in der Medienkunst das Paradigma der Betrachtung aufrechterhalten wird und wo es sich mit denjenigen der Kommunikation und Interaktion verschränkt.
Neben der historischen Perspektive verfolgt die Vorlesung einen systematischen Ansatz mit Blick auf exemplarische Werke, die paradigmatisch Sehweisen von Fernsehen, Kino und Video sowie deren jeweilige Formierung des Publikums reflektieren. Diese werden begleitend in ihrer bis in das 19. Jahrhundert zurückreichenden medienhistorischen und -theoretischen Genese beleuchtet. Damit werden neben einem Überblick über wichtige Positionen der Medienkunst aus den Bereichen Fernsehen, Video, Film, Fotografie bis in die Gegenwart und einem Ausblick auf digitale Medien und Netzkunst schlaglichtartig medienhistorische und -theoretische Prämissen vermittelt. Schließlich sind im kontrastiven Vergleich die um 1800 ausgeprägten Normen moderner Kunstbetrachtung einbezogen.

Teilnahmebedingungen:
regelmäßige Teilnahme

Literatur zur Einführung:
Daniels, Dieter: Kunst als Sendung: von der Telegrafie zum Internet, München: Beck 2002
Hünnekens, Annette: Der bewegte Betrachter: Theorien der interaktiven Medienkunst, Köln: Wienand 1997
Lehmann, Annette Jael: Kunst und neue Medien: ästhetische Paradigmen seit den sechziger Jahren, Tübingen [u.a.]: Francke 2008
Pias, Claus (Hrsg.): Kursbuch Medienkultur: die maßgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, 6. Aufl., Stuttgart : DVA 2008
Voraussetzungen für die Vergabe von Kreditpunkten:
Die An- und Abmeldung zu der Veranstaltung erfolgt vom 1. August (ab 12 Uhr) bis zum 31. Oktober (bis 18 Uhr) über VSPL. Danach sind Anmeldungen nicht mehr möglich. Teilnehmer, die häufiger als zweimal unentschuldigt fehlen, werden am Ende des Semesters automatisch gelöscht.