Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2011/12

Veranstaltungsnr.: 40663 (Hauptseminar M.A.)

Die Avantgarde vor Ort - ein Projektseminar zu Max Burchartz, Albert Renger-Patzsch und Werner Graeff (mit Ausstellungspraxis) - Eine Kartografie zu Fotografie und Medienkunst in NRW

Zeit:
Mi. 14-16h, max. 15 Teilnehmer
Raum/Ort:
GABF 04/514
Beginn:
12.10.2011

Inhalte:
Lange bevor die "`Szene Rhein-Ruhr"'' um 1970 u.a. als Schauplatz der noch jungen Medienkunst von sich reden machte, hatte die Avantgarde der 1920/30er Jahre bereits Fotografie und Film selbstverständlich in ihre umfassenden Gestaltungskonzepte einbezogen: Für solche Experimente bot sich nicht nur am Bauhaus in Dessau, sondern auch mit der auf Karl Ernst Osthaus’ Pläne zurückgehenden Essener Schule für Gestaltung ein produktiver Ort. Die Folkwang-Schule konnte Laboratorium der Moderne im Ruhrgebiet sein und partizipierte zugleich an den von Werkbund, De Stijl oder eben vom Bauhaus propagierten Reformideen. Wie sich diese Vernetzung für die Avantgarde mit einem Wirken in die Region hinein verband, dem will das Seminar am Beispiel von Max Burchartz, Albert Renger-Patzsch und Werner Graeff nachgehen: Alle drei waren als Pioniere einer modernen Sehkultur bzw. Formenlehre im Bereich der Fotografie / Bildpublizistik oder übergreifend in Film, Foto, Werbegrafik, Ausstellungs- und Innenraumgestaltung sowie freier Kunst tätig und auf je eigene Weise der Folkwang-Schule sowie dem Museum und Verlag verbunden. Neben ihrer Lehre haben sie sich in (Auftrags)Arbeiten vor Ort u.a. mit der Industrieregion auseinandergesetzt und heute teils erst wieder zu rekonstruierende Spuren im Ruhrgebiet hinterlassen.
Eingebettet wird die Recherche hierzu in den größeren Rahmen einer Ausstellung zur Fotografie der 1920/30er Jahre, die derzeit im Museum Folkwang vorbereitet wird. Sie ist sowohl einem Schwerpunkt der Fotografischen Sammlung als auch der eigenen Geschichte als frühes Forum für moderne Fotografie gewidmet, insofern das 1929 hier noch vor der Stuttgarter "`fifo"'' initiierte Projekt "`Fotografie der Gegenwart"'' als Ausgangspunkt dient. Zwei Jahre darauf wurde die Essener Station der Ausstellung "`Das Lichtbild"'' dann um eine Abteilung ergänzt, die Max Burchartz’ Folkwang-Lehre reflektierte.
Im Anschluss daran will das Seminar die vielfältigen Bezüge zur Region rekonstruieren helfen: Sie finden sich sowohl in Albert Renger-Patzschs Aufnahmen für den Architekten der Zeche Zollverein Fritz Schupp wie in Max Burchartz’ Mappe für den Bochumer Verein, der sich etwa Renger-Patzschs frei entstandene "`Ruhrgebiets-Landschaften"'' gegenüberstellen lassen. Ausgehend von der Fotografie werden weitere Beispiele des blühenden Ausstellungswesens der Zeit (Gesolei 1926 in Düsseldorf, Internat. Ausst. Kunst der Werbung 1931 in Essen) relevant. Sie zeugen ebenso vom umfassenden Gestaltungs- und Modernisierungsstreben wie die Kooperationen mit Architekten (so z.B. Max Burchartz’ Farbleitsystem für das Hans-Sachs-Haus, Gelsenkirchen). Werner Graeff hat schließlich in den 1950er Jahren Ideen zur "`Farbigen Ruhrlandgestaltung"'' entwickelt, womit auch die Frage nach der Anknüpfung an die Visionen der 1920/30er in der Nachkriegszeit aufgeworfen ist.
Aufbauend auf zwei jüngst erschienenen Publikationen zu Burchartz und Graeff sind im Verlauf des Seminars eigene Recherchen u.a. in der Fotografischen Sammlung und der Bibliothek des Regionalverbands Ruhr in Essen vorgesehen, um evtl. noch unpubliziertes Material zu sichten und auszuwerten. Geplant ist die Vorbereitung der Sammlungspräsentation im Museum Folkwang zu begleiten und nach Möglichkeit einen Beitrag zur Ausstellung zu leisten. Dabei sollen die Seminarteilnehmer Einblick in die Erstellung eines Bestandskatalogs und Gelegenheit zur Erarbeitung begleitender Texte erhalten.

Teilnahme-Bedingungen
Für die Vorort-Recherche in Museen und Archiven werden teilweise anstelle der regulären Sitzung alternative Termine notwendig, die vorzugsweise montags stattfinden und im Einzelnen noch abgesprochen werden. Aus denselben Gründen muss die Teilnehmerzahl auf 15 Personen beschränkt werden.
Vorausgesetzt wird die Bereitschaft zu weiterführenden selbstständigen Recherchen und besonderes Engagement bei den Beiträgen zur Ausstellung (z.B. Texte, Begleitprogramm). Diese werden erst im Laufe des Seminars parallel zum Entstehen der Ausstellung genauer zu definieren sein und mit den Leistungsanforderungen für Teilnahme- und Leistungsscheine abgestimmt.

Einführende Literatur
Gerda Breuer (Hg.): Max Burchartz : 1887 - 1961; Künstler, Typograf, Pädagoge; Ausst.-Kat. zur Doppelausstellung "Es kommt der neue Ingenieur!" - Werner Graeff und Max Burchartz am Bauhaus, Meisterhaus Klee/Kandinsky der Stadt Dessau-Roßlau, Berlin: Jovis 2010
Gerda Breuer (Hg.): Werner Graeff : 1901 - 1978 ; der Künstleringenieur; Ausst.-Kat. zur Doppelausstellung "Es kommt der neue Ingenieur!" - Werner Graeff und Max Burchartz am Bauhaus, Meisterhaus Klee/Kandinsky der Stadt Dessau-Roßlau, Berlin: Jovis 2010
Werner Graeff - Hürdenlauf durch das 20. Jahrhundert, Ausst.-Kat. Museum Wiesbaden, hrsg. Ursula Hirsch, Wiesbaden: Museum 2010
Thomas Janzen: Albert Renger-Patzsch, Zwischen der Stadt: Photographien des Ruhrgebiets, Ostfildern 1996
Das schönste Museum der Welt. Essays zur Geschichte des Museum Folkwang, Folkwang-Texte ; 1, Göttingen: Edition Folkwang / Steidl 2010
Rainer Stamm: Der Folkwang-Verlag - auf dem Weg zu einem imaginären Museum, Zugl.: Wuppertal, Univ., Diss., Frankfurt am Main : Buchhändler-Vereinigung 1999
50 Jahre Folkwangschule für Gestaltung: Ausst.-Kat. Museum Folkwang, Essen, Essen: Folkwangschule 1961