Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2010/11

Veranstaltungsnr.: 40662 (Hauptseminar M.A.)

Partizipatorische Projekte in der Kunst seit den 1960er Jahren

Zeit:
2st., Mi. 14-16h
Raum/Ort:
GA 03/49
Beginn:
13.10.2010

Inhalte:
Die Minimal Art veränderte die Position des Betrachters/der Betrachterin. Sie wurde zur Bezugsgröße einer Kunst, die den sich im Raum bewegenden Rezipienten einbezieht. In der Kunst seit den 1970er Jahren gibt es eine darüber hinausweisende Form der Teilnahme: In einer Kunst, die in der Kunstkritik mit den Begriffen "`Partizipation"'', "`Ambient Art"'' oder "`Relational Art"'' bezeichnet wird, werden die Rezipienten zu Teilnehmern am Entstehungsprozess künstlerischer Projekte.

Anlass für das Seminar ist das von Mischa Kuball im Rahmen von Ruhr.2010 initiierte Projekt "`New Pott - 100 Lichter/100 Gesichter"''. Er bezieht 100 Menschen aus aller Welt, die heute im Ruhrgebiet leben, in seine Arbeit ein. Ergebnisse dieses Austausches werden vom 28. Oktober 2010 bis zum 30. April 2011 in den Kunstsammlungen der RUB (Campusmuseum. Sammlung Moderne) zu sehen sein. Dieses Projekt ist Ausgangspunkt für eine weiterführende, historisch und systematisch reflektierende Diskussion von partizipatorischen Kunstprojekten in der Kunst seit 1945.

Das Seminar nimmt dabei institutionsreflexive Anfänge in den Blick (so z.B. Hans Haackes "`MOMA-Poll"'' (1970) oder Andrea Frasers "`Services"'') und geht den Spuren der sog. "`Ambient Art"'' nach, die Germano Celant 1976 erstmals mit Blick auf Arbeiten von Joseph Beuys, Michael Asher, Dan Graham oder Maria Nordman mit einem Beitrag für die Biennale Venedig zur Diskussion stellt.
In der Folge schufen Künstler wie Jorge Pardo, Tobias Rehberger oder Rirkrit Tiravanija Erfahrungsräume wie Bars oder Clubs, die Kunsterfahrung und Unterhaltung auf eine historisch neue Art und Weise verschränken. Andere Künstler agieren im öffentlichen Raum und schaffen dort Orte eines Zusammentreffens und Austauschens ganz unterschiedlicher Kommunikationspartner. Kunst schafft hier die Rahmenbedingungen für die Konstruktion einer politischen und sozialen Wirklichkeit, für die Kunst Rahmenbedingungen schafft (Christine und Irene Hohenbüchler, Stephen Willats, Martha Rosler, Group Material, Andreas Siekmann/Alice Creischer, Park Fiction, Apolonija Sustersic u.a.)

Ziel des Seminars ist es, der Genese und Ausdifferenzierung einer Kunst nachzugehen, die sich programmatisch von Konzepten des autonomen Werks und auslegenden Rezipienten verabschiedet und stattdessen nach Bedingungen und Möglichkeiten einer vielstimmigen Konstruktion von Wirklichkeit sucht.
Einführende Literatur:
Games, Fights and Collaborations. Das Spiel von Grenze und Überschreitung. Kunst und Cultural Studies in den 90er Jahren, hg. Beatrice von Bismarck, Diethelm Stoller, Ulf Wuggenig, Ostfildern-Ruit 1996.
Miwon Kwon: Ortungen und Entortungen der Community, in: Sharawadgi, hg. von Christian Meyer und Mathias Poledna, Köln 1999.
Astrid Wege: Partizipation, in: DuMonts Begriffslexikon zur zeitgenössischen Kunst, hg. von Hubertus Butin, Köln 2002, S. 236-240.