Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2010/11

Veranstaltungsnr.: 40630 (Grundseminar)

Fremdwahrnehmung - Eigenwahrnehmung: Künstlerselbstbildnisse

Zeit:
2st., Mi. 10-12h
Raum/Ort:
GABF 04/516
Beginn:
20.10.2010

Inhalte:
Seit der Antike fungiert das Ideal der kalokagathia als Rezeptionsvorgabe der äußeren Erscheinungsform des Menschen. Dem Mikrokosmos-Makrokosmos-Modell folgend wurde von einer Übereinstimmung von Seele und Körper ausgegangen. Eine schöne , antiker Denklogik folgend also auch gute , Seele präge die Ästhetik des menschlichen Körpers. Demzufolge sei auch er schön , während umgekehrt ein nicht ästhetischer Körper nur auf eine schlechte Seele hindeuten könne. Darauf, dass bereits mit Sokrates ein erster Präzedenzfall vorlag, der dieses Modell konterkarierte, sei an dieser Stelle nur verwiesen. Vielleicht jedoch ist durch diesen kulturanthropologischen Parameter abendländischen Denkens - bis heute werden mit den Trägern hübscher Körper öfter positive Charaktereigenschaften assoziiert als mit ihren von der Natur weniger freundlich bedachten Zeitgenossen - zu verstehen, warum das Interesse an der äußeren Erscheinungsform eines Menschen stets groß war und ist. So erhoffen wir uns auch bei der Betrachtung von Künstlerporträts Erkenntnisse über das jeweils ganz eigene und individuelle In-der-Welt-Sein des Dargestellten. Im Porträt zeigt sich das Verhältnis des ausführenden Künstlers zum Modell. Einen besonderen Gehalt bekommt dieses Thema dann, wenn das Sujet ein Vertreter der eigenen Zunft oder gar - wie im Künstlerselbstporträt - die eigene Person und das eigene Selbst ist. In dem Seminar wollen wir nicht nur die jeweils spezifische Rezeption des dargestellten Künstlers - die Inhalte und Strategien seiner Poiesis und Autopoiesis - herausarbeiten, sondern gerade die Differenz, die sich zwischen den verschiedenen Porträts einer Person ergeben kann, fruchtbar machen, um sie als Produkte von Formung und/ oder Selbstformung, als Entwurf und Selbstentwurf zu untersuchen. Primär wollen wir uns mit visuellen Darstellungen vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit beschäftigen. Der Porträtbegriff soll jedoch auch im erweiterten Sinne verstanden werden und z.B. literarische (Selbst)Portraits einbeziehen. Methodisch produktive Zugriffe auf dieses Thema sind durch die Fragestellungen der Bildanthropologie, gender studies und der Semiotik zu erwarten. Mit diesen werden wir uns zu Beginn des Seminars beschäftigen und sie im Folgenden in unsere Überlegungen einbeziehen.
Einführende Literatur:
Porträt:
Andreas Beyer, Das Porträt in der Malerei, München 2002.
Richard Brilliant, Portraiture, London 1997.
Gottfried Boehm, Bildnis und Individuum. Über den Ursprung der Porträtmalerei in der italienischen Renaissance, München 1985.
Omar Calabrese, Die Geschichte des Selbstporträts, München 2006.
Stefanie Marschke, Künstlerbildnisse und Selbstporträts: Studien zu ihren Funktionen von der Antike bis zur Renaissance, Weimar 1998.
Ulrich Pfisterer und Valeska von Rosen (Hrsg.), Der Künstler als Kunstwerk: Selbstporträts vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Stuttgart 2005.
Rudolf Preimesberger, Hannah Baader und Nicola Suthor (Hrsg.), Porträt, Berlin 1999.
Ernst Rebel und Norbert Wolf, Selbstporträts, Köln 2008.
methodischer Zugriff:
Wolfgang Brassat und Hubertus Kohle, Methoden-Reader Kunstgeschichte: Texte zur Methodik und Geschichte der Kunstwissenschaft, Köln 2003.
Sigrid Ruby, Feminismus und Geschlechterdifferenzforschung, in: Kunsthistorische Arbeitsblätter 4/2003, S. 17-28.
Voraussetzungen für die Vergabe von Kreditpunkten:
ausgeprägtes Interesse am Thema; Anwesenheit und aktive Mitarbeit
Großer Leistungsnachweis: Referat (30-45 Minuten) und Hausarbeit (ca. 10 Seiten)
Kleiner Leistungsnachweis: Co-Referat