Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2009/10

Veranstaltungsnr.: 40634 (Grundseminar)

Das Unbewusste vor Freud - Dekadenz, Symbolismus, Fin-de-siècle

Zeit:
2st., Mi. 12-14
Raum/Ort:
GABF 04/711
Beginn:
2009-10-14 00:00:00

Inhalte:
Die größte Kränkung hat Sigmund Freud dem modernen Menschen nach eigenen Aussagen selbst zugefügt. Hatte Kopernikus den Menschen aus dem Zentrum des Universums vertrieben, Darwin ihm die Krone der Schöpfung geraubt, so war der Mensch seit der Erfindung der Psychoanalyse nicht mehr "Herr im eigenen Haus": Triebe, die im Unbewussten angesiedelt sind, bestimmen die Dynamik unseres Seelenlebens und finden als "Triebrepräsentanzen" symbolischen Ausdruck in unserer Phantasie.
Hat Freud also unsere Vorstellung vom Unbewussten maßgeblich geprägt und insofern das Menschenbild zu Beginn des 20. Jahrhunderts revolutioniert, so gilt er keineswegs als Erfinder des Unbewussten, weder begrifflich noch konzeptuell. Der Begriff war im 19. Jahrhundert schon seit langem in Gebrauch und nicht nur Philosophen wie Eduard von Hartmann oder Neurologen wie Pierre Janet haben an seiner Präzisierung gearbeitet. Auch viele bildende Künstler fanden gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Interesse an den Innenwelten und Abgründen der menschlichen Seele, die sie auf ihre spezifisch künstlerische Art und Weise parallel zur zeitgleichen Entwicklung der Psychoanalyse erforschten. Auch für die Künstler wurden Traum und Wahnsinn zu einem privilegierten Weg zum Unbewussten, dessen Phantasien sie nun aber - anders als die Psychoanalyse - zur Quelle origineller künstlerischer Bildfindungen machten. Dabei gerieten auch verstärkt sexuelle und morbide Phantasien in den Blick, die Freud einige Zeit später als Repräsentanzen der beiden fundamentale Triebe Eros und Thanatos bzw. Todestrieb beschrieb.

Am Beispiel ausgewählter Werkgruppen verschiedenster Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die allesamt der internationalen Bewegung des Symbolismus zugerechnet werden, soll im Seminar unter den Rubriken Imagination, Traum, Wahnsinn, Eros und Thanatos dem hier skizzierten „Unbewussten vor Freud“ in seiner künstlerischen Reflexion nachgegangen werden.
Einführende Literatur:
Henri F. Ellenberger, Die Entdeckung des Unbewussten. Geschichte und Entwicklung der dynamischen Psychiatrie von den Anfängen bis zu Janet, Freud, Adler und Jung (1970), Zürich 2005.

Stefanie Heraeus, Traumvorstellung und Bildidee. Surreale Strategien in der französischen Graphik, Berlin 1998.

Symbolism, decadence and Fin de siècle. French and European perspectives, hg. V. Patrick McGuiness, Exeter 2000.

SeelenReich: Die Entwicklung des deutschen Symbolismus 1870-1920, Ausst.-Kat. Schirn-Kunsthalle Frankfurt, hg. V. Ingrid Ehrhardt u. Simon Reynolds, München 2000.

Der Kuss der Sphinx. Symbolismus in Belgien, Ausst.-Kat. Kunstform Wien, Ostfildern 2007. Der Symbolismus und die Kunst der Gegenwart. Das deutungsreiche Spiel, Ausst.-Kat. Von der Heydt-Museum Wuppertal, hg. v. Gerhard Finckh., Wuppertal 2007.

Michelle Facos, Symbolist art in context, Berkeley 2009.
Voraussetzungen für die Vergabe von Kreditpunkten:
Referatsthemen

14.10 Einführung

21.10 Begriffsklärungen (gemeinsame Lektüre)

04.11.Imagination 1) Victor Hugo

11.11 2) Gustave Moreau

18.11 3) Fernand Khnopff

25.11 II. Traum 1) Grandville

02.12 2) Odilon Redon

09.12 III. Wahnsinn 1) Charles Meryon

16.12 2) Ernst Josephson

23.12 IV. Eros 1) Félicien Rops

13.01 2) Aubrey Beardsley

20.01 3) Alfred Kubin

27.01 V. Thanatos 1) James Ensor

03.02 2) Max Klinger