Vorlesungsverzeichnis Wintersemester 2009/10

Veranstaltungsnr.: 40627 (Übung vor Originalen)

Zwischen Retraite und Repräsentation: Die Gartenkultur des Ruhrgebiets 1800-1920

Dozent/in:

Zeit:
2st., Mo. 16-18 und Blöcke
Raum/Ort:
GABF 04/711
Beginn:
2009-10-19 00:00:00

Inhalte:
Ausgehend von spätbarocken Gärten des 18. Jahrhunderts werden markante gartenkünstlerische Leistungen im Ruhrgebiet bis in die 1920er Jahre vorgestellt. Somit werden allgemeine epochen- und stilgeschichtliche Entwicklungen und Phänomene der Gartenkunst auf ausgewählte regionale Beispiele übertragen. Dabei wird zu untersuchen sein, wo der Begriff des Ruhrgebiets hilfreich, wo er hinderlich ist. Erst im Zuge der Industrialisierung kann mit dem Aufkommen der Bezeichnung „rheinisch-westfälisches Industriegebiet- oder –bezirk“ ein mentalitätsgeschichtlicher Wandel markiert werden, der erlaubt nach einer spezifischen Ausprägung der kulturellen Ausdrucksformen zwischen Ruhr und Emscher zu fragen. Das Ruhrgebiet wird zu einem Experimentierfeld urbanen Wachsens unter den Bedingungen des Kapitalismus, deren künstlerische Leistungen durch die Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die Überformungen einer rigiden Moderne der 1970er Jahre noch immer zu wenig oder zu einseitig gewürdigt werden. Als westliches Industriegebiet des nach 1815 vergrößerten preußischen Staates, zwischen den Garnisonsstädten Wesel und Hamm gelegen, konkurrierte die Region ökonomisch rasch mit den im Wuppertal gelegenen Städten. Die nach dem Krieg von 1870/71 einsetzende Dynamisierung der sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung wirkte sich verspätet erst gegen 1900 auf den Bereich der bildenden Künste aus. Das Verständnis von Kunst als Legitimierung des sozialen und wirtschaftlichen Revirements sowie als Kompensation der alten Eliten auf der einen und der an dieser Entwicklung nicht teilhabenden Mehrheit der Bevölkerung auf der anderen Seite ist für das Ruhrgebiet nur in Ansätzen erforscht und wird auf unser Thema des Gartens hin untersucht werden. Die These vom Garten, der ja immer im Spannungsfeld von privaten und öffentlichen Interessen steht, als Medium gesellschaftlicher Versöhnung kann einen analytischen Zugriff auf die heteronome Gartenlandschaft des Ruhrgebiets bieten. Doch zunächst steht die monographische Würdigung der ausgewählten Anlagen im Vordergrund, dabei werden in dem Seminar grundsätzliche Fragen der Gartenkunstgeschichte verhandelt, so dass Sie mit Themen und Methoden der Disziplin vertraut gemacht werden. Die Frage, wie Gärten ausstell- und vermittelbar sind, führt uns auf das Gebiet der Museologische und Didaktik. Das Seminar begleitet die Vorbereitungen auf die Ausstellung „Zwischen Kappes und Zypressen. Gartenkunst an Emscher und Ruhr“, die vom 21.02.-24.05.2010 in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen präsentiert wird. Es ist angedacht, die ausgearbeiteten Referatsbeiträge in Form eines Internetauftritts zu veröffentlichen.

Bitte besuchen Sie bis zu Seminarbeginn die Gärten der Schlösser Borbeck und Herten, den Botanischen Garten Rombergpark, die Villa Hügel, den Bochumer Stadtpark, den Kurpark Raffelberg, den Hohenhof in Hagen und die Anlagen des Buerschen Grüngürtels in Gelsenkirchen! Eine Bibliographie zu den einzelnen Gartenanlagen wird zu Beginn der Veranstaltung bereitgestellt. Die Referatsvergabe und Exkursionsplanung erfolgt in der ersten Seminarsitzung.
Einführende Literatur:
Buttlar, Adrian von: Der Englische Landsitz 1715-1760. Symbol eines liberalen Weltentwurfs, Mittenwald 1982.

Gartenkünstler. Gartenbilder von 1530 bis heute, mit einer Einleitung von Stefan Schweizer, Duisburg 2009.
Grützner, Felix: Gartenkunst zwischen Tradition und Fortschritt. Walter Baron von Engelhardt (1864-1940), Bonn 1998 (Studien zur Kunstgeschichte 3).

Hartmann, Kristiana: Deutsche Gartenstadtbewegung. Kulturpolitik und Gesellschaftsreform, München 1976.

Kastorff-Viehmann, Renate (Hrsg.): Die grüne Stadt. Siedlungen, Parks, Wälder, Grünflächen 1860-1960 im Ruhrgebiet, Essen 1998.

Köllmann, Wolfgang (Hrsg.): Das Ruhrgebiet im Industriezeitalter. Geschichte und Entwicklung, 2 Bde., Düsseldorf 1990.

Nehring, Dorothee: Stadtparkanlagen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, München 1979 (Geschichte des Stadtgrüns 4).

Schepers, Wolfgang: Zu den Anfängen des Stilpluralismus im Landschaftsgarten und dessen theoretischer Begründung in Deutschland, in: Michael Brix und Monika Steinhauser (Hrsg.): "Geschichte allein ist zeitgemäß". Historismus in Deutschland, Gießen 1978, S. 73-92.

Schmidt, Erika: Der Bochumer Stadtpark und sein städtebauliches Umfeld im 19. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Revision von Werturteilen über den typischen deutschen Stadtpark des 19. Jahrhunderts, Hannover, Diss., 1988.

Schneider, Uwe: Hermann Muthesius und die Reformdiskussion in der Gartenarchitektur des frühen 20. Jahrhunderts, Worms 2000 (Grüne Reihe. Quellen und Forschungen zur Gartenkunst 21).
Soénius, Ulrich S.: Wirtschaftsbürgertum im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Familie Scheidt in Kettwig 1848-1925, Köln 2000.

Uerscheln, Gabriele / Kalusok, Michaela: Kleines Wörterbuch der europäischen Gartenkunst, Stuttgart 2001.





Als Vademecum für Ihre Exkursionen empfehlen sich:

Gaida, Wolfgang / Grothe, Helmut: Vom Kaisergarten zum Revierpark. Ein Streifzug durch historische Gärten und Parks im Ruhrgebiet, mit einer gartengeschichtlichen Einführung von Thomas A. Winter, Bottrop/Essen 1997;

Bimberg, Ina / Rump, Christoph: Von Rotdornen, Laubengängen und Fliederdüften. Ein spannender Führer zu Gärten und Parks im Ruhrtal, Essen 2006.