Vorlesungsverzeichnis Sommersemester 2016

Veranstaltungsnr.: 40627 (Grundseminar)

Gotik – Nachgotik

Zeit:
Do. 16-18
Raum/Ort:
GA 03/149, am 16.6. GA 04/149
Beginn:
14.04.2016
Workload:
60h oder 180h
Kreditpunkte:
2 oder 6 CP

Inhalte:
Das Adjektiv „gotisch“ kursierte bereits um die Mitte des 15. Jahrhunderts im Kreis italienischer Humanisten gleichbedeutend mit roh, wild und ungeordnet. Als „gotisch“ wurde diejenige mittelalterliche Architektur erachtet und als Verfallserscheinung gewertet, die gegen den Regelkanon einer zur Norm erhobenen antiken Architektur verstieß. Dabei irritierte vor allem die starke Vertikalisierung, eine Negierung des Prinzips von Tragen und Lasten, eine Skelettierung der Mauer und die Überfülle an Dienstvorlagen sowie spitzbogigen Kreuzrippengewölben. Im 19. Jahrhundert etablierte sich schließlich die stilepochale Bezeichnung „Gotik“, deren Ursprung und Entstehungsgrund Hauptaugenmerk zahlreicher Untersuchungen werden sollte.
Das europaweit zu beobachtende Phänomen der Verwendung gotischer Formen über die vermeintliche Epochengrenze hinaus musste dieses Verständnis einer Stilentität stören und wurde zunächst als anachronistisch oder provinziell abgetan. Es wurde begrifflich unterschiedlich umrissen, im deutschsprachigen Raum seit Engelbert Kirschbaums Dissertation (1928) als „Nachgotik“, im Englischen und Französischen als „Survival“ und „Survivance“. In jüngerer Forschung wird das Phänomen entgegen der Vorstellung konkurrierender holistischer Stile entweder als Bauen nach klaren typologischen und semantischen Regeln oder aber als retrospektiver Vorgang mit programmatischer Aussage neu untersucht. Bei letzterem ist zwangsläufig eine Absetzung vom Historismus des 19. Jahrhunderts vonnöten, da eine bewusste Retrospektive ein Differenzbewusstsein vergangener und gegenwärtiger Formen bei zeitgenössischen Bauherren und Rezipienten voraussetzt.

In der ersten Sitzungen soll zunächst an der in der frühen Forschung als „Ursprungsbau“ postulierten Benediktinerabteikirche Saint-Denis eine ausführliche Architekturbetrachtung vorgenommen und Grundlagen der Bauorganisation und Konstruktionsweise vermittelt werden. Saint-Denis bietet zudem paradigmatisch einen Einblick in die methodischen Zugänge und Fragestellungen einer kaum noch zu überblickenden Gotikforschung. Das Seminar will im weiteren Verlauf anhand unterschiedlicher Bauaufgaben die stark divergierenden Baulösungen vor dem Hintergrund der benannten Kontroversen zur Stilgenese, Epochengrenzen, Prolongierung und Kontinuität gotischer Merkmale oder bewusster programmatischer Rezeption unter die Lupe nehmen, wobei ein deutlicher Schwerpunkt auf Sakralarchitektur gelegt wird.


Leistungsnachweis:
Kleiner Leistungsnachweis: Je nach TeilnehmerInnenzahl Referat oder Expertenrolle
Großer Leistungsnachweis: Siehe kleiner Leistungsnachweis und 10-12-seitige Seminararbeit
Voraussetzungen für die Vergabe von Kreditpunkten:
Die An- und Abmeldung zu der Veranstaltung erfolgt vom 22. Februar (ab 12 Uhr) bis zum 30. April (bis 18 Uhr) über CAMPUS.

Die versierte, eigenständige Nutzung wissenschaftlicher Diskursformen in Wort und Schrift (Produktion und Rezeption) wird stets optimiert und in der Gruppe reflektiert. Die kommunikativen Fähigkeiten werden zudem durch eine vor Originalen geschulte Wahrnehmung auf fortgeschrittenem Niveau ausgebaut. Wissens- und Kompetenzerwerb und die damit einhergehende Kreditierung setzt daher die kontinuierliche aktive Teilnahme am dialogischen Austausch im Plenum voraus.

Die Übernahme seminarischer Beiträge wie Referate oder mündl. Prüfungen sind als Studienleistung verbindlich. Sollten Sie einen Termin ohne triftigen Grund versäumen oder kurzfristig absagen, wird die Leistung mit „nicht ausreichend“ bewertet. In CAMPUS erfolgt der Eintrag „nicht bestanden“. Dies gilt auch für geleistete Beiträge, die nicht den Ansprüchen eines kleinen Leistungsnachweises genügen.