Vorlesungsverzeichnis Sommersemester 2013

Veranstaltungsnr.: 40649 (Hauptseminar B.A. / M.A.)

Das Paris der Künstler und Fotografen – Aufstieg und Niedergang einer Kunstmetropole oder die Wandlungen einer urbanen Moderne

Zeit:
Do. 14-16
Raum/Ort:
GA 6/62
Beginn:
18.04.2013
Workload:
60h, 90h, 210h oder 270h
Kreditpunkte:
2, 3, 7 oder 9 CP

Inhalte:
Unbestritten gilt Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Von ihr waren nicht nur die Künstler seit der zweiten Jahrhunderthälfte über den Impressionismus bis hin zu Robert Delaunay in der Entwicklung ihrer spezifisch modernen Ästhetik nachhaltig beeinflusst. Walter Benjamin hat darüber hinaus gelehrt, ihrer Architektur der Passagen, den Straßen, dem Spektakel der Weltausstellungen und Panoramen, aber auch dem Interieur eine ganz eigene Historiographie der Moderne zu entnehmen, die die Wunschbilder eines Kollektivbewusstsein zu dechiffrieren weiß. Und auch die Fotografie erhielt hier im Zuge der umfassenden Modernisierung, mit dem Aufstieg des Bürgertums, der Wissenschaften und der tiefgreifenden Umgestaltung der Stadt, ihre ersten wesentlichen Funktionsbestimmungen.
Doch wie schreibt sich die Ästhetik urbaner Modernität im 20. Jahrhundert fort? Wandelt sich Paris, wie es Juri Steiner bildreich beschreibt, von der Hebamme, zur Geliebten und später zur greisen Giftmischerin der Avantgarde und ihrer Theorien? Tatsächlich ist schon das Verhältnis zu Haussmanns Paris der großen Boulevards, das heute so klassisch anmutet, äußerst ambivalent. In die Faszination für das neue mischte sich eine ebenso starke Melancholie für das alte, teils noch mittelalterliche und sowohl denkmalpflegerisch wie imaginativ wiederbelebte Paris, gerade bei entschiedenen Verfechtern der Modernität wie Charles Baudelaire. Für die Surrealisten werden später – mit den heute berühmten Stadtansichten von Eugène Atget als Mittler – ähnlich wie für Benjamin das Unbewusste, eben Veraltete und die Ungleichzeitigkeit, die sich in den Architekturen und der Topographie der Stadt sedimentiert, zum Anknüpfungspunkt. Paris, das schon im Second Empire den Ruf eines neuen Babylon hatte, wandelt sich vollends zum erotisierten Stadtkörper. Surrealistische und moderne Künstler durchstreifen mitunter auch als Fotoreporter die verbliebenen Nischen und Schattenzonen der Ville Lumière, während Le Corbusiers städtebauliche Radikalkur nur noch die zentralen Monumente von Paris duldet. Nach dem zweiten Weltkrieg schließlich, der einen versehrten, zersetzten Stadtkörper (Steiner) zum Thema werden lässt, teilt sich die alte Avantgarde hier buchstäblich das Terrain mit einer neuer Generation, die deren (unmögliches) Erbe anzutreten oder zu verwerfen hat. Dabei sehen sich die Künstler des Neo-Dada, die Nouveaux Réalistes und Plakatabreißer schon bald dem nächsten großen Modernisierungsschub gegenüber, dem sich auch die unwandelbare Hauptstadt des 19. Jahrhunderts in den 1950–70er Jahren nicht vollkommen entziehen kann.
Das Seminar will den skizzierten Verbindungslinien nachgehen, indem es sich u. a. auf die immer wieder in den Blick genommenen Monumente, Orte und die Ikonographie dieser Stadt konzentriert, wobei neben Fotografie und Malerei auch Aktionskunst oder Film eine Rolle spielen und die Architektur- und Stadtbaugeschichte implizit präsent sind. In Vorbereitung der Großexkursion Ende September 2013, die sich insgesamt der modernen und auch zeitgenössischen Kunst widmet, werden insbesondere die Sammlungsbestände der wichtigen Pariser Museen einbezogen. Dabei ist die Veranstaltung als integriertes Hauptseminar für BA- und MA-Studierende konzipiert. Ergänzend wird eine Teilnahme an der Veranstaltung Stadt bauen, Stadt darstellen empfohlen, die gemeinsam mit Prof. Dr. Cornelia Jöchner durchgeführt wird. Wegen der Pflichtexkursionstage im Master werden bei Vergabe der begrenzten Exkursionsplätze zuerst einmal Masterstudierende berücksichtigt. Französischkenntnisse sind nicht Bedingung, aber von Vorteil. Verbindliche Anmeldung zur Teilnahme an der Exkursion: bis 26.4.2013.

Einführende Literatur:
Hartwig Fischer (Hg.), Bilder einer Metropole. Die Impressionisten in Paris, Ausst.-Kat. Museum Folkwang 2010/2011, Göttingen 2010
Herbert Molderings, Die Moderne der Fotografie, Hamburg 2008
James A. Ganz (Hg.), Impressionist Paris. City of light, Ausst.-Kat. San Francisco Fine Arts Museum 2010, München 2010
Dominique de Font-Reaulx, Painting and Photography: 1839-1914, Paris 2013
Françoise Heilbrun (Hg.), A history of photography. The Musee d’Orsay collection 1839–1925, Paris 2009
Paris capitale photographique 1920–1940. Collection Christian Bouqueret, Ausst.-Kat. Jeu de Paume / Hôtel de Sully 2009, Paris 2009
Juri Steiner, New Babylon. Aufstieg und Fall der Stadt Paris zwischen Second Empire und 1968, Diss. Univ. Zürich 2003, online-Ressource
Quentin Bajac (Hg.), Voici Paris. Modernités photographiques 1920-1950, la Collection Christian Bouqueret, Ausst.-Kat. Centre Pompidou 2012–2013, Paris 2012
Quentin Bajac (Hg.), La subversion des images: surréalisme, photographie, film, Ausst.-Kat. Centre Pompidou 2009, Paris 2009
Therese Lichtenstein (Hg.), Twilight visions. Surrealism and Paris, Berkeley [u.a.] 2009


Voraussetzungen für die Vergabe von Kreditpunkten:
Die An- und Abmeldung zu der Veranstaltung erfolgt vom 1. März (ab 12 Uhr) bis zum 30. April (bis 18 Uhr) über VSPL. Danach sind Anmeldungen nicht mehr möglich. TeilnehmerInnen, die häufiger als zweimal unentschuldigt fehlen, werden am Ende des Semesters automatisch gelöscht. Die Übernahme seminarischer Beiträge wie Referate oder mündl. Prüfungen sind als Studienleistung verbindlich. Sollten Sie einen Termin ohne triftigen Grund versäumen oder kurzfristig absagen, wird die Leistung mit „nicht ausreichend“ bewertet. In VSPL erfolgt der Eintrag „nicht bestanden“. Dies gilt auch für geleistete Beiträge, die nicht den Ansprüchen eines kleinen Leistungsnachweises genügen.