Vorlesungsverzeichnis Sommersemester 2012

Veranstaltungsnr.: 40638 (Grundseminar)

Die letzte Avantgarde? Die Situationistische Internationale (1957-72)

Zeit:
Mi. 12-14h
Raum/Ort:
GABF 04/514
Beginn:
11.04.2012
Workload:
60h oder 180h
Kreditpunkte:
2 oder 6 CP

Inhalte:
Zwischen zwei Schwarzbildern tauchte 1952 in einer verstörenden Filmvorführung erstmals die Idee auf, das Spektakel der Bilder ließe sich ebenso wie das zur Ware degradierte Kunstwerk mit der Konstruktion von Situationen überwinden. Sie wurde für die Gruppe, die sich 1957 unter dem Namen Situationistische Internationale (SI) um Guy Debord mit Hauptsitz in Paris formierte, zum Programm. Aus dem jugendlich-prekären Milieu von Saint-Germain-des-Prés führte der Weg über das Kino, sogenannte lettristische Poesie und comicähnliche Metagraphien zu Experimenten des ziellosen Umherschweifens und den zerstückelten Stadtplänen der Psychogeographie: Mit dieser neubegründeten „Wissenschaft“ versuchten die Situationisten menschliche Leidenschaften auf die Umgebung zu übertragen. Sie erklärten das von Medien, Konsum und rigider Stadtplanung korrumpierte Alltagsleben sowie ihr unmittelbares Lebensumfeld zum zentralen Kampf-Schauplatz des Widerstands und zum buchstäblich wieder zu erobernden Terrain. In weiterer Konsequenz zielten die Situationen auf umfassende Umgebungskonstruktionen, die der Maler Giuseppe Pinot Gallizio mit seiner Höhle der Anti-Materie vorwegnahm und die in einen Unitären Urbanismus münden sollten: Was man sich darunter vorzustellen hatte, führte Constant mit seiner labyrinthisch-mobilen Modellstadt New Babylon vor Augen, wohingegen Debord seine Kritik 1967 in der Schrift Die Gesellschaft des Spektakels theoretisch ausformulierte.

Derart weit gespannt und aktuell präsentieren sich diese künstlerischen und politischen Praktiken gegen die Gesellschaft des Spektakels, dass sie eine regelrechte Konjunktur der SI in Geographie, Architekturgeschichte, Theater- und Kulturwissenschaft sowie in politischer Theorie hervorgerufen haben. Auch die Kunstgeschichte hat sich inzwischen der Situationisten erinnert, spätestens seitdem sie ein wichtiger Bezugsrahmen für die aktuellen Kunstdiskurse seit den 1990er Jahren geworden sind. Besonders in ihrer Gründungsphase war die SI eng mit international operierenden Künstlern verwoben: Maler wie Asger Jorn und Constant, die zuvor mit COBRA ein Drehkreuz zwischen Copenhagen, Brüssel und Amsterdam geschaffen hatten, waren wichtige Mitglieder. Bei der Münchner Gruppe Spur oder der italienischen Nuklearen Malerei wurden weitere Verbündete gesucht.

Mit Blick auf diese Verflechtungen wird das Seminar der kunsthistorischen Frage nachgehen, inwieweit das gesellschaftskritische Projekt der Situationisten mit den Neo-Avantgarden der Nachkriegszeit in Verbindung steht. Dabei ist im Einzelnen von Interesse, wie Maler zu Umgebungskonstrukteuren und schließlich zu Architekturvisionären werden, wie die pyschogeographische Praxis des Umherschweifens an die surrealistischen Spaziergänge anschließt, aber auch, wie sich Situationen überhaupt konstruieren lassen, nach welcher Partitur oder welchem Drehbuch? Somit ist nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zur parallel aufkommenden Aktionskunst und zum Happening zu fragen. Weitere kunsthistorische Bezüge sind für das Bauhaus imaginiste zu beleuchten, da sich Asger Jorn mit Max Bills Ulmer Hochschule für Gestaltung um das Bauhaus-Erbe stritt. Zunehmend allerdings duldeten die Situationisten die traditionellen Künste nur noch als „ästhetische Fertigbauteile“ in einem umfassenden Verfahren der Zweckentfremdung. Sie kündigten um 1962 den Pakt mit den Künstlern bereits wieder auf und gingen schließlich in die Studentenproteste von 1968 ein. Von daher wird es mit der SI nicht zuletzt um die Problematik einer Kunst gehen, die die Grenze zur politischen Aktion vollends überschreitet und mithin einen Endpunkt der künstlerischen Avantgarde-Bewegungen markiert.

Kl. Leistungsschein: regelmäßige aktive Teilnahme, Referat
Gr. Leistungsschein: regelmäßige aktive Teilnahme, Referat, schriftliche Ausarbeitung (10 S.)
Voraussetzungen für die Vergabe von Kreditpunkten:
Die An- und Abmeldung zu der Veranstaltung erfolgt vom 1. März (ab 12 Uhr) bis zum 30. April (bis 18 Uhr) über VSPL. Danach sind Anmeldungen nicht mehr möglich. Teilnehmer, die häufiger als zweimal unentschuldigt fehlen, werden am Ende des Semesters automatisch gelöscht. Die Übernahme seminarischer Beiträge wie Referate oder mündl. Prüfungen sind als Studienleistung verbindlich. Sollten Sie einen Termin ohne triftigen Grund versäumen oder kurzfristig absagen, wird die Leistung mit „nicht ausreichend“ bewertet. In VSPL erfolgt der Eintrag „nicht bestanden“. Dies gilt auch für geleistete Beiträge, die nicht den Ansprüchen eines kleinen Leistungsnachweises genügen.