Staatsgalerie Stuttgart

In der Druckgraphik der Zeit von 1560 bis 1620 findet die Vorstellung einer im Kreislauf geordneten Welt voller Wechselwirkungen einen Höhepunkt:
Tugenden und Laster, Elemente und Zeiten, Künste und Wissenschaften erscheinen als Serien von Personifikationen, aus denen auch ganze Handlungsfolgen, etwa allegorische Triumphzüge, zusammengestellt sein können.
Diese Auffassung vom Lauf der Welt sah im ständigen Wandel des menschlichen Lebens unter dem Einfluß der Planeten Gesetze wirken, wie sie auch für die physische Welt gelten.

Die Folgen und Zyklen entsprachen den Zahlenverhältnissen, die der Ordnung der Welt zugrunde lagen:
Sieben ist die Zahl der Planeten, der Tugenden, Laster und freien Künste;
vier sind die Elemente, die Jahres- und Tageszeiten, die Temperamente und Lebensalter.

Dieses aus der Antike überlieferte Weltbild bestimmte auch um 1600 noch die Vorstellungen von der Ordnung der Welt, wobei die druckgraphischen Serien selbst als Instrumente der Ordnung und Vermittlung von Wissen dienten. Zugleich nahmen die Allegorien in vielfältiger Weise Beobachtungen der alltäglichen Lebenswirklichkeit und des menschlichen Verhaltens auf.

Der Kreislauf des menschlichen Daseins - von Reichtum über Hochmut und Krieg zu Armut und Frieden, der wieder Reichtum bringt - wird auch zum kritischen Bild der Gesellschaft.

Meist von niederländischen Verlegern für den europäischen Markt produziert, zeigen die Serien künstlerischen Erfindungsreichtum und Technik des Kupferstichs auf hohem Niveau. Bei den Hauptmeistern des Manierismus, Frans Floris, Hendrick Goltzius und Jacques de Gheyn, steht dabei das Konzept der bewegten Figur im Zentrum der Bildkompositionen.
Nach 1600 verbindet sich, etwa bei Jan van de Velde, der allegorische Gehalt so weitgehend mit Szenen des Alltagslebens, daß die Personifikationen verzichtbar erscheinen.

Die Kombination von Text und Bild bietet eine weitere Verständnisebene.

Für Ausstellung und Katalog wurden die von humanistischen Gelehrten verfaßten lateinischen Bildunterschriften komplett übersetzt.

Die Ausstellung zeigt Graphikserien aus dem Bestand der Graphischen Sammlung.

Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekt "EDV und Kunstwissenschaft" am Kunstgeschichtlichen Institut der Ruhr-Universität Bochum.

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