VI DenkmalpflegeVergleichsbeispiel: Das Märkische Viertel in Berlin |
| Bei dem im nördlichen Berliner Randbezirk Reinickendorf gelegenen "Märkischen Viertel" handelt es sich um eines der größten Wohnungsbauprojekte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland. Es umfaßt außer Wohnbauten auch Schulen, Kindertagesstätten, Schwimmbäder, Kulturbauten, Läden, Kaufhäuser und Gemeindezentren. | |
![]() Bausenator Schwedler stellt 1963 das Projekt "Märkisches Viertel" vor |
Die Planung der damals als zukunftsweisend angesehenen Wohnanlage begann 1962, wobei 35 international bekannte Architekten beteiligt wurden. Die ersten Wohnungen konnten 1964 bezogen werden, während sich die Gesamtbauzeit von 1963 bis 1974 erstreckte. Verantwortlich für den städtebaulichen Gesamtentwurf waren die Architekten Werner Düttmann, damals Stadtbaudirektor, sowie Georg Heinrichs und Hans C. Müller. Waren zunächst 13.500 Wohnungen vorgesehen, so erforderte die Lage auf dem Wohnungsmarkt schließlich eine Aufstockung auf 17.000. Gebaut wurden schließlich 16.000 Wohnungen und 500 Einfamilienhäuser für insgesamt 60.000 Menschen. Der Generalbebauungsplan legte Lage, Ausrichtung und Höhe der einzelnen Baukörper fest, überließ den Architekten der jeweiligen Gebäude aber deren innere und äußere Gestaltung. |
![]() Wohnbebauung im Nordosten des Märkischen Viertels |
Das Konzept sah vor, Einfamilienhäuser und Grüngebiete durch drei große umfassende Gruppen von Geschoßbauten zu umschließen. Das Zentrum der Gesamtanlage bildet der Wilhemsruher Damm, an dem die Umfassungsarme mit je 16 Stockwerken beginnen, um sich dann auf vier Geschosse abzutreppen und um schließlich erneut auf 16 Geschosse anzusteigen. |
| In den achtziger Jahren wurden im Märkischen Viertel sogenannte Wohnumfeldverbesserungen durchgeführt. Diese brachten bauliche Instandsetzungen mit sich sowie "Verschönerungen" der Fassaden und Eingangszonen. Hieran entzündete sich eine denkmalpflegerische Diskussion, da der Erhalt der originalen Bausubstanz, wie die folgenden Beispiele zeigen, gefährdet war. | |
![]() Der Mitteltrakt des "Langen Jammers" vor dem Neuanstrich |
Der "Lange Jammer" - Das Gebäude von Renè
Gagés
Im Originalzustand zeigte die Fassade Sichtbeton mit roten und blauen Farbbändern. Im Zuge der Wohnumfeldverbesserungen erhielt sie einen grau-weißen Anstrich und anthrazitfarbene Fensterbänder. |
![]() Der "Lange Jammer" als Champagner-Burg |
Nach dem neuen Anstrich erhielt der "Lange Jammer" im Volksmund den Namen "Champagner-Burg". Die Eingänge wurden um verglaste, pavillonartige Vorbauten erweitert. |
![]() Die "Papageiensiedlung" vor dem Neuanstrich |
Die "Papageiensiedlung" - Das Gebäude von
Karl Fleig
Dieser Bau hatte ursprünglich einen vom Bildhauer Utz Kampmann gestalteten bunten Anstrich in den Farben rot, weiß und blau, der die Plastizität der Architektur unterstreichen sollte. |
![]() Die "Papageiensiedlung" nach dem Neuanstrich |
Bei der Wohnumfeldverbesserung erhielt das Gebäude
gedecktere Farben.
Von den Mietern, deren Vertreter an den Planungen beteiligt waren, wurden die Wohnumfeldverbesserung als Verschönerung und Beseitigung alter Bausünden empfunden. Hingegen fürchtete der damalige Landeskonservator einen schleichenden Verlust der "historischen Prägnanz des Viertels". Seiner Ansicht nach drohte dem Märkischen Viertel die Gefahr, zu einer beliebigen Allerweltssiedlung zu verkommen, wenn bei Veränderungen nicht auf denkmalpflegerische Belange Rücksicht genommen würde. Künftige Eingriffe sollten deshalb ursprüngliche Substanz und originales Erscheinungsbild berücksichtigen. Folgende Kriterien zur Unterschutzstellung wurden vorgetragen: Das Märkische Viertel stelle ein Dokument einer abgeschlossenen Kulturepoche dar, weil weder seine städtebaulichen oder architektonischen Dimensionen noch seine ästhetischen Merkmale mehr Gültigkeit besäßen. Zwar wurde zu bedenken gegeben, daß die nötige zeitliche Distanz für die Wertschätzung der Architektur noch zu gering sei, doch seien auch die inzwischen anerkannten Bauten aus Barock und Historismus ehemals verachtet und verhöhnt worden. In der Presse wurden diese denkmalpflegerischen Bestrebungen entrüstet abgelehnt. Eine sachliche Auseinandersetzung mit Bewohnern, Wohnungsbaugesellschaften und Senatsverwaltung war unmöglich. Regierender Bürgermeister und Wohnungsbaugesellschaften schoben die Interessen der Mieter vor: Diese fürchteten, in einem Museum wohnen zu müssen. Die Senatsverwaltung wollte die Diskussion auf spätere Jahrzehnte verschieben. |