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Dass Kunst eine Ware
ist, wird gern vergessen, während man sich an ihr erbaut. Immerhin handelt
es sich bei Kunstwerken auch nicht um gewöhnliche Konsumartikel, die gelegentlich
ausgewechselt werden, wiegt ihr wahrer Wert doch höher als ihr Warenwert.
Dieses Wortspiel hat sich der Bochumer Künstlerbund (B.K.B.) zum Motto
seiner neuesten Austellung gemacht: "Wa(h)re Kunst".
Die Ausstellung ist
ein weiteres Resultat der langjährigen Kooperation zwischen dem B.K.B.
und dem Museum Bochum.Dabei wählte der B.K.B. die ausgestellten Arbeiten
aus: Er besaß die Entscheidungsgewalt über die Ausstellungsjury, die sich
neben Mitgliedern des B.K.B. aus der Bochumer Museumsleitung, dem Vorsitz
des Kunstvereins Gelsenkirchen und einem Kulturredakteur zusammensetzte.
So werden überwiegend Arbeiten von Mitgliedern des B.K.B. gezeigt. Insgesamt
wurden von 106 Bewerbern 52 zur Ausstellung eingeladen. Darüberhinaus
ermöglichten die Auslandskontakte der Stadt Bochum und des B.K.B. erstmalig
die Teilnahme niederländischer Künstler an den seit 50 Jahren stattfindenden
Ausstellungen des B.K.B. Der Grossteil der teilnehmenden Künstler ist
jedoch in Bochum oder Umgebung ansässig. Ihre ausgestellten Arbeiten sind
meistens in diesem Jahr entstanden. Der Ausstellungstitel "Wa(h)re Kunst"
sollte dabei Anregung zur künstlerischen Auseinandersetzung sein: "Die
Doppeldeutigkeit des Titels provoziert Fragen zur Qualität, zur Kommerzialisierung
von Kunst und die damit verbundene ökonomische Situation der Künstler
und sollte Künstlerinnen und Künstler animieren, sich in ihrer Arbeit
mit dieser Problematik zu beschäftigen." Das von Gabriele Elger - Jury-Mitglied
und zudem derzeitige Vorsitzende des B.K.B. - formulierte Ausstellungsthema
ist jedoch keine zwingende Vorgabe gewesen. So entschieden sich die meisten
Künstler für "wahre Kunst".

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Was wahr ist, fragt
Inge Brune mit ihrer Installation "Wahrheit": Monochrome und neonfarbene
Tafeln aus durchsichtigem Acrylglas hängen hintereinandergereiht von der
Decke. Leitmotivisch durchziehen sie den unteren Ausstellungsbereich mitsamt
Flur und Halle. Derart präsent weist "Wahrheit" dem Besucher den Weg über
das erste von zwei Stockwerken. Darüberhinaus vermittelt das Werk eine
Idee von der Beeinflussung der Wahrheit durch die Wahrnehmung: "Wir können
nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit
ist, oder ob es uns nur so scheint ..." heisst es unter anderem in einem
Kleist- Zitat, das der letzten erreichbaren Tafel aufgedruckt ist. Was
wahr oder falsch ist, entscheidet letztlich das eigene Bewusstein. Dass
dieses von der Medialisierung unserer Umgebung beeinflusst ist, beweist
ein Blick in die reflektierenden Tafeln: In eine seltsam künstliche Farbe
getaucht, erkennt man sich und die umliegenden Kunstwerke wieder. "Wahrheit"
ragt nicht nur aufgrund seiner Größe aus der Ausstellung heraus: Es beeindruckt
vor allen Dingen durch das Konzept und dessen künstlerische Umsetzung.
So wünscht man sich mehr Arbeiten von Inge Brune zu sehen.
Auch Werner Block
hat ein überzeugendes Konzept zum Ausstellungsthema entwickelt. Seine
"Tränenzeit" wirkt jedoch auf Grund der grauen Farbgestaltung und nüchternen
Materialanordnung wenig sinnlich. Die Installation ist wie ein Triptychon
aufgebaut: In der Mitte stehen Glastrichter, an deren Schlauchenden Sand
liegt. Links davon steht ein mit Dosen gefülltes Regal, während rechts
kleine Tüten, auf denen beispielsweise "Tränen der Freude" aufgedruckt
ist, angeschlagen worden sind. Dadurch erinnert die Installation an einen
Kaufmannsladen. In diesem werden Gefühlstränen verkauft. Dass Kunst oftmals
medial Gefühle vermittelt, ist altbekannt. Dass Gefühle somit durch kaufbare
Kunst zur Ware werden, führt uns Block vor Augen.
Wie Kunst Gefühle
hervoruft, zeigt eine Reihe von Arbeiten hinter Blocks "Tränenzeit". Hier
stehen schwarz-weiss gehaltene Werke, die aufgrund ihrer Farbgestaltung
melancholisch wirken: Auf dem Boden hat Li Silberg in der Mitte aufgeklappte
Zeichenbücher zu einem Quadrat angeordnet. Die Seiten sind mit Textfragmenten,
klecksförmigen Zeichnungen oder Brandspuren versehen. Dadurch breitet
sich eine schwarz-graue Fläche vor dem Besucher aus. Dahinter wurden Barbara
Grosses abstrakte und schwarz-weisse Radierungen aufgehängt. An der Wand
daneben hat Mikrut Wika ihre Installation "Corpora delicti" aufgebaut.
Hier treten die an die Wand montierten schwarzen und mit weissen Flecken
versehenen Bildtafeln aus ihren Bildgrenzen heraus: Vor ihnen stehen zwei
Papierkörbe. Die darin angehäuften Schnipsel wirken wie eine prozesshafte
Verlängerung des Hintergrundes: Zerschnitten landet er auf dem Müll.
Dieser Bereich mit
den Schwarz-Weiss-Arbeiten zeigt auf, dass die Kunstwerke weitestgehend
zu Gruppen formaler Gemeinsamkeiten zusammengelegt wurden. So findet sich
ein paar Schritte weiter eine Reihe informeller Tafelbilder. Die Vielfalt
der Exponate und die Unverbindlichkeit des Ausstellungstitels erschwert
allerdings eine geordnete Präsentation. Die Ausstellung wird vor allen
Dingen durch die Vielzahl der künstlerischen Medien geprägt: Installationen,
Skulpturen, Videos und Tafelbilder sind unter anderem vertreten. So ist
der Besucher von unterschiedlichen Kunstgattungen und Stilrichtungen,
die zudem in einzelnen Werken fusioniert sind, umgeben. In diesem Kaleidoskop
aus Sinneseindrücken lassen sich schwerlich richtungsweisende oder repräsentative
Tendenzen erkennen. Auffallend ist jedoch der überdurchschnittliche Anteil
an malerisch gestalteten Tafelbildern. In gleichem Maße prägen aufgrund
ihrer Größe die Installationen das Ausstellungsbild. Zudem passt ihr inszenatorischer
Charakter gut in unsere medial und virtuell gestaltete Zeit.
Viele Künstler setzen
das sinnliche Moment der Kunst in den Vordergrund. Ihr atmosphärisches
Spiel mit Formen und Farben beruht dabei oftmals auf traditionellen oder
natürlichen Materialien: Öl und Leinwand schaffen genauso wie Holz oder
Stein sinnliche Momente. Sozialkritisch aufgearbeitete Spuren seiner Gesellschaft
findet der Besucher jedoch nur in einer Handvoll Arbeiten. Davon sind
Dirk Jeskes Bilder in dieser Hinsicht besonders gelungen:

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Gesamtansicht
Seine Cartoonbildchen
nackter Menschen hat er zu einem Labyrinth geformt. Die Comicfiguren sind
in ihrer rechteckigen Umrandung gefangen und tragen Bezeichnungen wie
"happy idiot" oder "social victim". Dabei befriedigen sie sich sexuell,
schiessen verzweifelt um sich oder äussern ihre Verzweiflung in ähnlich
hilflosen Gesten. Die gezeigten Comicmännchen und -weibchen sind zahlreich
in ihrer existenziellen Deformierung. Dass sich diese oftmals in einem
übersteigerten Individualismus gründet, wird angedeutet: Jede der Figuren
steht allein da, ohne seelische Verbindung mit ihren Leidensgenossen.
Das Museum Bochum
erfüllt mit der Ausstellung "Wa(h)re Kunst" nicht nur seinen kulturellen
Auftrag, nämlich ortsansässige Künstler mit ihren Arbeiten der Öffentlichkeit
vorzustellen, sondern zeigt vor allen Dingen ein spannendes und breites
Spektrum an Gegenwartskunst. Spannend wird die Ausstellung durch die Aktualität
der Arbeiten und ihre Vielfalt. Dass die Werke auch zum Verkauf stehen,
bleibt eher nebensächlich. So liegen die Preise der Exponate bescheiden
am Kassenstand aus. Dementsprechend sind die Kunstwerke in den Vordergrund
gerückt. In gebührendem Abstand zueinander aufgestellt, kommen sie in
ihrer ganzen Wirksamkeit zur Geltung. Dabei sind keine vermittelnden Medien,
etwa Texttafeln, zwischen Besucher und Kunstwerke geschaltet, so dass
die Arbeiten unmittelbar aufgenommen werden können. Schnell wird dadurch
das Qualitätsgefälle der Ausstellung deutlich. Das künstlerische Geschick,
das zweifelsfrei in allen Arbeiten zu erkennen ist, reicht oftmals nur
zu durchschnittlichen Kunstwerken. In den meisten von ihnen werden gewohnte
Stilmittel verarbeitet, ohne ihnen etwas neues abzugewinnen. Indem ihren
Produzenten der Mut zu Innovationen und Experimenten fehlt, wirken manche
Exponate geradezu hausbacken. Derart dekorativ erinnern sie an Kunstwerke
für gutgehende Anwalts-oder Ärztepraxen. Dabei darf jedoch nicht vergessen
werden, dass viele Künstler für ihr finanzielles Überleben einen bürgerlichen
Geschmack treffen müssen.
Vielleicht braucht
Bochum eine eigene Kunstakademie, damit sich eine größere Menge herausragender
Werke in Ausstellungen dieser Art wiederfinden kann. Das gleiche Ausstellungskonzept
in einer Stadt mit einer Akademie hätte wahrscheinlich mehr Arbeiten,
die überzeugen und berühren können, zu Tage gefördert.
Unvoreingenomme Besucher, denen es nicht um kunstimmanente Aspekte geht,
werden jedoch nicht enttäuscht. Aufgrund ihrer Heterogenität kann die
Ausstellung jeden Kunstgeschmack mit zumeist gewohnter Kost zufriedenstellen.
Die Ausstellung war
bis zum 1. August 1999 im Museum Bochum zu sehen.
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