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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum

 

Provinz? - Provinz!
Lokale Gegenwartskunst im Museum Bochum

von Nils Köppen

Wa(h)re Kunst

Dass Kunst eine Ware ist, wird gern vergessen, während man sich an ihr erbaut. Immerhin handelt es sich bei Kunstwerken auch nicht um gewöhnliche Konsumartikel, die gelegentlich ausgewechselt werden, wiegt ihr wahrer Wert doch höher als ihr Warenwert. Dieses Wortspiel hat sich der Bochumer Künstlerbund (B.K.B.) zum Motto seiner neuesten Austellung gemacht: "Wa(h)re Kunst".

Die Ausstellung ist ein weiteres Resultat der langjährigen Kooperation zwischen dem B.K.B. und dem Museum Bochum.Dabei wählte der B.K.B. die ausgestellten Arbeiten aus: Er besaß die Entscheidungsgewalt über die Ausstellungsjury, die sich neben Mitgliedern des B.K.B. aus der Bochumer Museumsleitung, dem Vorsitz des Kunstvereins Gelsenkirchen und einem Kulturredakteur zusammensetzte. So werden überwiegend Arbeiten von Mitgliedern des B.K.B. gezeigt. Insgesamt wurden von 106 Bewerbern 52 zur Ausstellung eingeladen. Darüberhinaus ermöglichten die Auslandskontakte der Stadt Bochum und des B.K.B. erstmalig die Teilnahme niederländischer Künstler an den seit 50 Jahren stattfindenden Ausstellungen des B.K.B. Der Grossteil der teilnehmenden Künstler ist jedoch in Bochum oder Umgebung ansässig. Ihre ausgestellten Arbeiten sind meistens in diesem Jahr entstanden. Der Ausstellungstitel "Wa(h)re Kunst" sollte dabei Anregung zur künstlerischen Auseinandersetzung sein: "Die Doppeldeutigkeit des Titels provoziert Fragen zur Qualität, zur Kommerzialisierung von Kunst und die damit verbundene ökonomische Situation der Künstler und sollte Künstlerinnen und Künstler animieren, sich in ihrer Arbeit mit dieser Problematik zu beschäftigen." Das von Gabriele Elger - Jury-Mitglied und zudem derzeitige Vorsitzende des B.K.B. - formulierte Ausstellungsthema ist jedoch keine zwingende Vorgabe gewesen. So entschieden sich die meisten Künstler für "wahre Kunst".

Inge Brune, "Wahrheit"
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Was wahr ist, fragt Inge Brune mit ihrer Installation "Wahrheit": Monochrome und neonfarbene Tafeln aus durchsichtigem Acrylglas hängen hintereinandergereiht von der Decke. Leitmotivisch durchziehen sie den unteren Ausstellungsbereich mitsamt Flur und Halle. Derart präsent weist "Wahrheit" dem Besucher den Weg über das erste von zwei Stockwerken. Darüberhinaus vermittelt das Werk eine Idee von der Beeinflussung der Wahrheit durch die Wahrnehmung: "Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint ..." heisst es unter anderem in einem Kleist- Zitat, das der letzten erreichbaren Tafel aufgedruckt ist. Was wahr oder falsch ist, entscheidet letztlich das eigene Bewusstein. Dass dieses von der Medialisierung unserer Umgebung beeinflusst ist, beweist ein Blick in die reflektierenden Tafeln: In eine seltsam künstliche Farbe getaucht, erkennt man sich und die umliegenden Kunstwerke wieder. "Wahrheit" ragt nicht nur aufgrund seiner Größe aus der Ausstellung heraus: Es beeindruckt vor allen Dingen durch das Konzept und dessen künstlerische Umsetzung. So wünscht man sich mehr Arbeiten von Inge Brune zu sehen.

Auch Werner Block hat ein überzeugendes Konzept zum Ausstellungsthema entwickelt. Seine "Tränenzeit" wirkt jedoch auf Grund der grauen Farbgestaltung und nüchternen Materialanordnung wenig sinnlich. Die Installation ist wie ein Triptychon aufgebaut: In der Mitte stehen Glastrichter, an deren Schlauchenden Sand liegt. Links davon steht ein mit Dosen gefülltes Regal, während rechts kleine Tüten, auf denen beispielsweise "Tränen der Freude" aufgedruckt ist, angeschlagen worden sind. Dadurch erinnert die Installation an einen Kaufmannsladen. In diesem werden Gefühlstränen verkauft. Dass Kunst oftmals medial Gefühle vermittelt, ist altbekannt. Dass Gefühle somit durch kaufbare Kunst zur Ware werden, führt uns Block vor Augen.

Wie Kunst Gefühle hervoruft, zeigt eine Reihe von Arbeiten hinter Blocks "Tränenzeit". Hier stehen schwarz-weiss gehaltene Werke, die aufgrund ihrer Farbgestaltung melancholisch wirken: Auf dem Boden hat Li Silberg in der Mitte aufgeklappte Zeichenbücher zu einem Quadrat angeordnet. Die Seiten sind mit Textfragmenten, klecksförmigen Zeichnungen oder Brandspuren versehen. Dadurch breitet sich eine schwarz-graue Fläche vor dem Besucher aus. Dahinter wurden Barbara Grosses abstrakte und schwarz-weisse Radierungen aufgehängt. An der Wand daneben hat Mikrut Wika ihre Installation "Corpora delicti" aufgebaut. Hier treten die an die Wand montierten schwarzen und mit weissen Flecken versehenen Bildtafeln aus ihren Bildgrenzen heraus: Vor ihnen stehen zwei Papierkörbe. Die darin angehäuften Schnipsel wirken wie eine prozesshafte Verlängerung des Hintergrundes: Zerschnitten landet er auf dem Müll.

Dieser Bereich mit den Schwarz-Weiss-Arbeiten zeigt auf, dass die Kunstwerke weitestgehend zu Gruppen formaler Gemeinsamkeiten zusammengelegt wurden. So findet sich ein paar Schritte weiter eine Reihe informeller Tafelbilder. Die Vielfalt der Exponate und die Unverbindlichkeit des Ausstellungstitels erschwert allerdings eine geordnete Präsentation. Die Ausstellung wird vor allen Dingen durch die Vielzahl der künstlerischen Medien geprägt: Installationen, Skulpturen, Videos und Tafelbilder sind unter anderem vertreten. So ist der Besucher von unterschiedlichen Kunstgattungen und Stilrichtungen, die zudem in einzelnen Werken fusioniert sind, umgeben. In diesem Kaleidoskop aus Sinneseindrücken lassen sich schwerlich richtungsweisende oder repräsentative Tendenzen erkennen. Auffallend ist jedoch der überdurchschnittliche Anteil an malerisch gestalteten Tafelbildern. In gleichem Maße prägen aufgrund ihrer Größe die Installationen das Ausstellungsbild. Zudem passt ihr inszenatorischer Charakter gut in unsere medial und virtuell gestaltete Zeit.

Viele Künstler setzen das sinnliche Moment der Kunst in den Vordergrund. Ihr atmosphärisches Spiel mit Formen und Farben beruht dabei oftmals auf traditionellen oder natürlichen Materialien: Öl und Leinwand schaffen genauso wie Holz oder Stein sinnliche Momente. Sozialkritisch aufgearbeitete Spuren seiner Gesellschaft findet der Besucher jedoch nur in einer Handvoll Arbeiten. Davon sind Dirk Jeskes Bilder in dieser Hinsicht besonders gelungen:

Dirk Jeske
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Seine Cartoonbildchen nackter Menschen hat er zu einem Labyrinth geformt. Die Comicfiguren sind in ihrer rechteckigen Umrandung gefangen und tragen Bezeichnungen wie "happy idiot" oder "social victim". Dabei befriedigen sie sich sexuell, schiessen verzweifelt um sich oder äussern ihre Verzweiflung in ähnlich hilflosen Gesten. Die gezeigten Comicmännchen und -weibchen sind zahlreich in ihrer existenziellen Deformierung. Dass sich diese oftmals in einem übersteigerten Individualismus gründet, wird angedeutet: Jede der Figuren steht allein da, ohne seelische Verbindung mit ihren Leidensgenossen.

Das Museum Bochum erfüllt mit der Ausstellung "Wa(h)re Kunst" nicht nur seinen kulturellen Auftrag, nämlich ortsansässige Künstler mit ihren Arbeiten der Öffentlichkeit vorzustellen, sondern zeigt vor allen Dingen ein spannendes und breites Spektrum an Gegenwartskunst. Spannend wird die Ausstellung durch die Aktualität der Arbeiten und ihre Vielfalt. Dass die Werke auch zum Verkauf stehen, bleibt eher nebensächlich. So liegen die Preise der Exponate bescheiden am Kassenstand aus. Dementsprechend sind die Kunstwerke in den Vordergrund gerückt. In gebührendem Abstand zueinander aufgestellt, kommen sie in ihrer ganzen Wirksamkeit zur Geltung. Dabei sind keine vermittelnden Medien, etwa Texttafeln, zwischen Besucher und Kunstwerke geschaltet, so dass die Arbeiten unmittelbar aufgenommen werden können. Schnell wird dadurch das Qualitätsgefälle der Ausstellung deutlich. Das künstlerische Geschick, das zweifelsfrei in allen Arbeiten zu erkennen ist, reicht oftmals nur zu durchschnittlichen Kunstwerken. In den meisten von ihnen werden gewohnte Stilmittel verarbeitet, ohne ihnen etwas neues abzugewinnen. Indem ihren Produzenten der Mut zu Innovationen und Experimenten fehlt, wirken manche Exponate geradezu hausbacken. Derart dekorativ erinnern sie an Kunstwerke für gutgehende Anwalts-oder Ärztepraxen. Dabei darf jedoch nicht vergessen werden, dass viele Künstler für ihr finanzielles Überleben einen bürgerlichen Geschmack treffen müssen.

Vielleicht braucht Bochum eine eigene Kunstakademie, damit sich eine größere Menge herausragender Werke in Ausstellungen dieser Art wiederfinden kann. Das gleiche Ausstellungskonzept in einer Stadt mit einer Akademie hätte wahrscheinlich mehr Arbeiten, die überzeugen und berühren können, zu Tage gefördert.
Unvoreingenomme Besucher, denen es nicht um kunstimmanente Aspekte geht, werden jedoch nicht enttäuscht. Aufgrund ihrer Heterogenität kann die Ausstellung jeden Kunstgeschmack mit zumeist gewohnter Kost zufriedenstellen.


Die Ausstellung war bis zum 1. August 1999 im Museum Bochum zu sehen.

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