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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum

 

»TALK.Show« in Wuppertal

Das Von der Heydt-Museum präsentiert die »Kunst der Kommunikation«
von Stefanie Peitzmeier
TALK.Show II:

Ein Tisch beginnt nach zarter Berührung zu sprechen, einander unbekannte Museumsbesucher unterhalten sich am Telefon und Maria Stuart beantwortet mir die Frage "Wie entgehe ich der Sintflut?". - Die kritische Reflexion über Phänomene der Kommunikation wird in der Wuppertaler Ausstellung zum Kunstwerk erhoben.

»TALK.Show. Die Kunst der Kommunikation in den 90er Jahren« - Ihr theoretisches Konzept will die Exposition bereits durch die Wahl des Titels vermitteln. Der seit der Etablierung der Privaten Sender schier unaufhaltsame Boom des Daily-Talks wird als gesellschaftliches Phänomen aufgegriffen. Unter der Etikette zwischenmenschlicher Verständigung offenbart sich dort der Seelenstriptease der Gäste als banales, gehaltloses Entertainement - weniger für die eingeladenen Gäste als für die Zuschauer im Studio und vor den Bildschirmen daheim. Talkshows à la "Hilfe, mein Bikini paßt nicht mehr" werden als Synonym für die nicht funktionierende Kommunikation unserer High-Tech-Gesellschaft zur theoretischen Ausgangssituation der Wuppertaler »TALK.Show«. Massenmedial vermittelte Kommunikation wird als nur scheinbare Interaktion enttarnt und so zum Anknüpfungspunkt der kritischen künstlerischen Auseinandersetzung. Mangelhafte, häufig nicht funktionierende Individualkommunikation im Spiegel unserer globalen Kommunikationsgesellschaft: Die Ausstellungskuratorin Susanne Meyer-Büser nennt dies die "Paradoxie der Kommunikation - immer mehr Sprachverkehr, immer weniger Verständigung". In der Übersetzung in »SPRECHEN.Zeigen« vermittelt die plakative Titelwahl in einer weiteren Dimension das Konzept. Die kombinatorische Verwendung von Sprache und Bild wird in Wuppertal in ihrer Umsetzung als Text-Bild-Ausstellung aufgegriffen. Sie knüpft damit an die 1991 im von der Heydt-Museum präsentierten Ausstellung »Buchstäblich. Bild und Wort in der Kunst heute« an.

Theorie und Praxis - zwei sich ausschließende Oppositionen? Die berechtigte Frage entsteht, inwieweit sich dieses wohlgemeinte theoretische Fundament dem Besucher vermittelt oder er ra(s)tlos bleibt bei der Suche nach der Antwort, wo innerhalb der Ausstellung sich das Thema Talkshow repräsentiert findet. Er prüfe selbst: Insgesamt 21 Künstler bzw. Künstlerpaare läßt die Show zu Wort kommen. Dem Charakter des Ausstellungsthemas entsprechend rekurrieren die Kunstwerke dabei insbesondere auf den Bereich der Medienkunst; neben Fotografie, Video und Rauminstallation ist das klassische Tafelbild anzutreffen. Etwa ein Drittel der Arbeiten entstand speziell für die Ausstellung. Die verschiedenen Facetten der Kommunikation finden Eingang in die Arbeiten der zeitgenössischen Künstler: Die geschriebene, die gesprochene wie die nonverbale Kommunikation werden künstlerisch interpretiert.

Schau, im Augenblick bin ich blind, schau ist der grelle Willkommensgruß der vier großformatigen Aluminiumtafeln des Schweizers Rémy Zaugg. Unversehens wird der Besucher angesprochen - die »Kunst der Kommunikation« kann beginnen. Zur linken Seite der Tafelbilder läßt das Video Telephones den Museumsgast aufhorchen. Christian Marclay präsentiert dem Besucher berühmte Filmszenen von Telefongesprächen - vom Wählen der Nummer bis zum Auflegen des Telefonhörers. Reduziert auf ein erwartungsvolles "hello" oder sehnsüchtiges "bye bye" bleibt das eigentliche Gespräch jedoch ausgeblendet. Sequenzartig aneinandergeschnitten zeigt das Video das Ein- bzw. Austreten von Kommunikation als ein Spiel mit dem gewohnten Verständigungsritual. Das dritte, den Eingangsbereich flankierende Werk stammt von dem Amerikaner Hirsch Perlman.

H. Perlmann, 28 Expressions
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28 Expressions bildet als 16-teilige Fotowand einen Nachrichtensprecher ab - in seinem Mienenspiel scheinbar unverändert. Die Diskrepanz des dokumentierten Gesichtsausdrucks der abgebildeten Person und der augenscheinlich für den Betrachter ablesbaren Mimik durch handschriftliche Untertitel, stellen die Qualität und Wahrhaftigkeit der fernsehmedialen Inhalte und das Wahrnehmungsverhalten der Rezipienten in Frage. Eine andere Deutung, jenseits unserer modernen Medienlandschaft, drängt sich auf: Lassen sich die Fototafeln mit der zugefügten Worterklärung als Fingerzeig auf Charles Le Bruns Darstellungen der Affekte im 17. Jahrhunderts lesen? 28 Expressions als ironisches Zitat der Kunstgeschichte!

Die erste Etage der Wuppertaler »TALK.Show« nimmt den Hauptanteil der ausgestellten Werke in verschiedenen Präsentationsgruppen auf. In einem separaten Raum findet der Museumsbesucher die Arbeit der Kanadierin Janet Cardiff To Touch aus dem Jahr 1996.

Janet Cardiff, To Touch
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Ein grober, einfacher Holztisch scheint der einzige Gegenstand des dezent beleuchteten Raumes zu sein. To Touch - anfassen, betasten, anrühren. Die üblichen Museumsgewohnheiten in Form des Betrachtens auf Distanz werden hier aufgelöst. Erst durch das aktive Vorgehen des Besuchers entsteht das eigentliche Kunstwerk. Durch zartes Berühren der derben Tischplatte löst der Museumsgast verschiedene männliche und weibliche Stimmen aus. "Ich möchte, daß Du mich berührst", spricht eine Frau. "Deine Haut ist so zart." Und weiter: "Ich kann Deinen Puls und Deinen Schweiß fühlen und die Linien Deiner Narben", ist die Antwort des Mannes. Die dialogischen Sequenzen lassen den Betrachter zum Mitwisser "gleichermaßen erotisch wie bedrohlich klingender" Informationen werden. Die Monologe lassen ihn sich in einer Dialektik von Distanz und Nähe angesprochen fühlen. To Touch geht über die rein haptische Erfahrung als Eintritt in das Kunstwerk hinaus. Berühren, hören und sehen als ganzheitliche Wahrnehmung lassen das in seiner bloßen Erscheinung bescheiden auftretende Werk der Kanadierin zu einem eindrucksvollen Gesamtkunstwerk der Sinne werden.

Durchquert der Museumsbesucher diese erste Etage der Ausstellung, wird ihm die deutliche Dominanz der über den sprachlichen Austausch funktionierenden Kunstwerke bewußt. Es wird geplaudert, rezitiert, geschrien! Die innerhalb von Papp-Sitzmöbeln installierten Telefone geben ihm darüber hinaus die Möglichkeit, selbst als Initiator von Kommunikation tätig zu werden. Über eine bestimmte Telefonnummer ist es dem Museumsbesucher möglich, mit anderen, ihm unbekannten Besuchern ins Gespräch zu treten. "Das Museum als Experimentierfeld der Dialoge".

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Krefeld sieht OrangeBerenice AbbottMuseum der MuseenTALK.Show I.TALK.Show II.Henry MooreWa(h)re Kunst


Daniel Pflumm... ...CNN - Questions and Answers

 

Das Werk des in Berlin lebenden Künstlers Daniel Pflumm läßt den Choral der kommunikativen Kunstwerke einen Moment verstummen. CNN - Questions and Answers ist eine Videoinstallation aus dem Jahr 1997. Daniel Pflumm wendet sich in dieser Arbeit dem Medium Fernsehen zu - der politischen Fernsehberichterstattung. Auf zwei Bildschirmen läßt der Künstler zwei Nachrichtensprecher schweigend in die Kamera blicken. Daniel Pflumm hat die Momente des Gesprächs herausgeschnitten und nur die Gesprächszwischenräume für sein Video verwandt. Dezentes Augenblinzeln, ein leises, unterdrücktes Räuspern und abwartendes Kopfnicken ersetzen den sprachlichen Austausch. Leise untermalt von Musik, interpretiert der Betrachter die Mimik und Gestik als rhythmischen Ausdruck. Das gewohnte Wahrnehmungsverhalten des Betrachters wird gänzlich irritiert, an die Stelle größter Informationsdichte rückt skurrile Stille.

Eine Treppe hinunter, eine andere hinauf, bei dem erzwungenen Gang durch die ständige Sammlung des Von der Heydt-Museums schnelle Blicke nach rechts und links auf Max Beckmanns Selbstbildnis als Clown oder Otto Dix´ Huldigung An die Schönheit. Der letzte Ausstellungsabschnitt der »TALK.Show« ist nur auf Umwegen zu erreichen. Die lautstarke Spannung des ersten Ausstellungsabschnittes verliert sich hier in einer nüchternen Dokumentation. Großflächig arrangiert präsentiert sich das 1994 entstandene Werk Verité der israelisch-amerikanischen Künstler Clegg & Guttmann dem Betrachter in seiner Benutzung als Archiv. Die amerikanische Unterhaltungsserie "Candid Camera", die in Deutschland als "Versteckte Kamera" Ahnungslose aufs Glatteis führt, ist in Videoclips präsentiert. Ergänzend dazu laden großformatige Fotos und erläuternde Schriftstücke als Dokumentensammlung den Betrachter zum Durchstöbern ein. Das Engagement und der persönliche Ehrgeiz des Museumsbesuchers, sich der »Kunst der Kommunikation« zu stellen, werden hier auf die Probe gestellt, drohen aber der Undurchsichtigkeit der Konzeption des Kunstwerkes zu erliegen.

Die bunte, schrille und abwechslungsreiche »TALK.Show« stimmt in diesem letzten Teil der Ausstellung einen traurigen Schlußakkord an: Gehen die gut gemeinten Vorstellungen und Hoffnungen der Ausstellungsmacher mit denen ihrer Gäste konform? Wird die selbstinszenierte Kommunikation tatsächlich adaptiert? Erneut drängt sich die Frage nach der Übereinstimmung von theoretischem Anspruch und praktischer Nutzung in den Vordergrund. Ein Kommunikationsproblem zwischen Ausstellungsmachern und Besuchern?

Gemäß der Allgegenwart von Kommunikation lädt uns das Werk des deutschen Künstlerduos M+M 12 Marias aus dem Jahr 1999 ein, den Gedanken der Ausstellung mitzunehmen: Zwölf Anrufbeantworter simulieren in ihrer Anordnung eine Expertenrunde historischer Personen mit dem Namen Maria - von Maria Magdalena bis Maria Callas. Aus jedem Anrufbeantworter erklingt die posthume Antwort auf die Frage "1999 - Wie entgehen wir der Sintflut?" Wirkliche Aufklärung innerhalb der Ausstellung erfahren wir jedoch nur, wenn eine kommunikative Person außerhalb des Museums eine der auf einer Postkarte abgedruckten Telefonnummern anwählt. "Wenn aber keiner anruft?" "Dann bleibt alles latent, keine schöne Geschichte.", antworten die Künstler M+M.



Von der Heydt-Museum Wuppertal: 28. März bis 24. Mai 1999; Haus der Kunst München:
8. Oktober 1999 bis 9. Januar 2000.
Der Katalog kostet 39.- DM.