Der Besucher als Kandidat"TALK.Show" im Von der Heydt - Museum in Wuppertalvon Vera Herzog |
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Ein Punkt in der Mitte eines Wortes kann so manches auf den Punkt bringen. Wer bei Talkshow gerade noch an eine Gesprächsrunde im Fernsehen dachte, sieht sich plötzlich mit zwei Worten konfrontiert: "TALK. Show", also sprechen und zeigen. Durch diesen typografischen Kniff visualisiert der Titel der Ausstellung bereits ihr Konzept. 21 zeitgenössische Künstler zeigen hier Kunstwerke, die sich mit unserer heutigen, audiovisuell geprägten Kommunikation beschäftigen. Ein großes Spektrum an Medien - Schrift und Foto, Telefon, Fernsehen und Video - wird dabei kritisch beleuchtet. Ziel der Werke ist, unsere kommunikativen Gewohnheiten zu irritieren und zu hinterfragen, ihr Scheitern und Gelingen zu beschreiben und Kommunikation zu inszenieren. So empfängt den Besucher programmatisch das Kunstwerk "Von der Blindheit" von Rémy Zaugg. "Schau", sprechen vier monochrome Aluminiumtafeln in großen Lettern den Eintretenden an, "ich bin blind, schau". Und damit wäre schon ein Ziel der Ausstellung erreicht, denn hier inszeniert die Kunst Kommunikation. Wer nicht gerade mit geschlossenen Augen das Museum betritt, wird gnadenlos angesprochen.
Und noch ein weiteres Ziel ist erreicht: das Irritieren der Wahrnehmungsgewohnheiten im Museum. Vorbei scheinen die Tage, da man flanierend und in angenehmer Passivität Bilder betrachten konnte, ohne daß man sich als Betrachtender von Selbigen ertappt fühlen mußte. Diese alte, somit aufgedeckte Angewohnheit sollte man daher lieber gleich hier im Eingangsbereich zurücklassen. Denn über eine Treppe nach oben - im Hauptteil der Ausstellung - gelangt man zu einem mystisch beleuchteten, alten Ateliertisch in einem ansonsten dunklen Raum, an dessen Wänden Lautsprecher aufgereiht sind. "To Touch", der Titel dieses Kunstwerkes von Janet Cardiff, ist gleichzeitig eine Gebrauchsanweisung. Wer nichts berührt, wird nie die erotisch flüsternden Stimmen erwecken und deren Dialogen lauschen können. So ist spätestens hier klar: Nur durch aktive Teilnahme erschließen sich dem Betrachter die Kunstwerke. Doch
leider werden die durch diesen wunderbaren Auftakt geweckte Aktivität
und Aufmerksamkeit des Besuchers durch eine unglückliche Anordnung der
Kunstwerke im Folgenden verspielt. So flüchtet man lieber in die rettende Stille von Sam Taylor-Woods "Atlantic". In einer dreiteiligen Anordnung werden drei großflächige Videoprojektionen präsentiert: Ein Restaurant, dessen Geräuschkulisse leise die Projektionen begleitet, bildet das Mittelbild des Triptychons; eine weinende Frau ist auf der linken Seite in Nahaufnahme zu sehen, die rechte Seite zeigt - in Detailaufnahme - die nervös mit Zigaretten und Aschenbecher spielenden Hände eines Mannes. Der aufmerksame Besucher findet schon bald die zwei Akteure der Seiten im Mittelbild wieder - ein Paar, versunken in einem schwierigen Gespräch, dem wir jedoch nicht lauschen können. Uns bleiben die Mimik und Gestik der Akteure, die synchron ablaufend gezeigt werden. Das Spektrum der menschlichen Kommunikation wird aufgefächert: Sprache und Körpersprache lassen die Konversation gelingen und verdeutlichen auch ihr Scheitern. Die Verständigung funktioniert, doch das Verständnis füreinander wird nicht erreicht. Zwischen den beiden befindet sich ein "unüberwindbarer Atlantik der Gefühle". Aus der Stille des Atlantik auftauchend gerät man erneut in die Lärmbrandung. Verfolgt von zwei "Fuck You" brüllenden Teddies aus dem Kunstwerk Dialogue # 1 von Mike Kelly flüchtet man in den letzten Teil der Ausstellung, der sich als klangloser Schlußakkord erweist. Denn die auf Interaktivität angelegten Kunstwerke dieses Raums werden von Besuchern nicht genutzt und bleiben somit in der Regel stumm. Bestes Beispiel hierfür: Das triste Archiv "Vérité" von Clegg & Guttman, das unsere Fernsehgewohnheiten hinterfragt und die Herausbildung stereotyper Kommunikationsmuster untersucht. Dies geschieht anhand ausgewählter Beispielsendungen der "Candid Camera", die der Sendung "Versteckte Kamera" in Deutschland entspricht. Eigentlich sollte der Besucher das Archiv nutzen, sich Sendungen ansehen und Texte dazu lesen. Doch die optische Erscheinung des Kunstwerkes, drei Regale aus mausgrauen Spannplatten, verlocken mehr zum Weg- als zum Hinschauen. So kann man schließen, daß die Struktur einiger Kunstwerke, wie auch ihre Anordnung in der Ausstellung, dem Besucher den Zugang erschweren. Doch lassen Sie sich nicht abschrecken! Sie sind aufgefordert, wie die Kuratorin Susanne Meyer-Büser ihren Katalogbeitrag schließt, "auf Entdeckungsreise zu gehen". Ohne Ihre aktive Teilnahme bleibt die Ausstellung TALK.Show eine Talkshow ohne Kandidaten. Weitere Teilnahme möglich: 8.10.1999 - 9.1.2000 im Haus der Kunst München. |