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In einem
Vers seines Mai-Liedes verkündete Joost van den Vondel: "Hoe is's te dycken
onder den Oranje Boom" - "Ach wie selig ist's sich niederzulassen unter
dem Orangenbaum". Er dichtete den Vers 1626 anlässlich der Geburt von
Prinz Wilhelm II. von Oranien-Nassau. Das Haus Oranien war zu diesem Zeitpunkt
das regierende Fürstenhaus in den Niederlanden. Der Orangenbaum war Ausdruck
des Namens und der Genealogie. Das Familiensymbol entwickelte sich zum
festen Bestandteil nationaler Ikonographie. Noch heute ist Orange niederländische
Nationalfarbe.
Krefeld
widmet nun mit Onder den Oranje boom - Niederländische Kunst und
Kultur im 17. und 18. Jahrhundert an deutschen Fürstenhöfen den
Oraniern eine kunst- und kulturgeschichtliche Ausstellung. Krefeld befand
sich von 1600 bis 1702 als Teil der Grafschaft Moers unter oranischer
Herrschaft. In dieser Zeit erlebte die Stadt einen beträchlichen wirtschaftlichen
Aufschwung durch die Ansiedlung religiös verfolgter Mennoniten, deren
Know How und Kapital in das Textilgewerbe eingingen - bis heute der Grundstock
für die Samt- und Seidenindustrie. Diese Verknüpfung mit der eigenen oranischen
Vergangenheit war Anlass der Ausstellung, wird jedoch in der Präsentation
nicht direkt thematisiert.
Nach
fünfjähriger Vorbereitungszeit nennen die Veranstalter die Ausstellung
"kulturell und touristisch eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres
1999, das bis in das Jahr 2000 läuft" und es "soll ein Beitrag zur Förderung
der kulturellen Zusammenarbeit in Europa sein". Unter sechzehn Aspekten
möchte man die Rolle des Hauses Oranien als Vermittler der niederländischen
Kultur in deutschen Territorien veranschaulichen.
Besonderes Gewicht wird auf die Person Wilhelms I., des Schweigers (1533-1584),
gelegt. Zahlreiche Bildnisse erzählen von seinem Kampf gegen die spanische
Terrorherrschaft des Herzogs von Alba, der dem Gründer des oranischen
Geschlechts schon zu Lebzeiten den Namen "Vater des Vaterlandes" einbrachte.
1544, im Alter von elf Jahren, erbte der aus Nassau stammende Wilhelm
das südfranzösische Fürstentum Orange, den Prinzentitel und vereinzelte
Besitztümer in den Niederlanden. Um sein Erbe antreten zu können, siedelte
er in die Niederlande über. 1584 wurde Wilhelm in Delft ermordet. Sein
Sohn Friedrich Heinrich ehelichte Amalia von Solms. Dem Ehepaar und seinen
vier Töchtern ist ein Großteil der Ausstellung gewidmet. Dank geschickter
Heiratspolitik fanden die niederländischen Prinzessinnen in deutschen
Fürstenhäusern eine neue Heimat.
In
Krefeld wird der niederländisch-deutsche Kunst- und Kulturtransfer durch
diese oranischen Hochzeiten thematisiert. Nur vereinzelt wird dem Betrachter
vermittelt, dass die Niederlande in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
zur führenden Nation im Seehandel und in der Weltwirtschaft aufstiegen.
In der Leidener Universität versammelte sich die geistige Elite des protestantischen
Europa. Niederländische Maler wie Rembrandt waren auch über die Landesgrenzen
hinaus berühmt und angesehen. Krefeld bemüht sich, diese wichtigen Gesichtspunkte
miteinzubeziehen. In einem Raum liegen historisch wertvolle Dokumente
der Leidener Universität aus, deren Bedeutung dem Betrachter freilich
weder durch Detailinformationen noch durch den historischen Kontext erschlossen
wird.

zur
Gesamtansicht
Ausführlich
wird hingegen die Genealogie des Hauses Oranien dokumentiert, wodurch
der Eindruck entsteht, einzig den vier Töchtern Amalia von Solms sei der
kulturelle Austausch zwischen den Niederlanden und Deutschland zu verdanken:
Louise Henriette heiratete den Kurfürsten von Brandenburg, Albertine Agnes
zog zu ihrem Ehemann Wilhelm Friedrich nach Nassau-Dietz, Henriette Catharina
wurde mit Johann Georg II. von Anhalt-Dessau vermählt und Maria lebte
mit ihrem Mann Ludwig Heinrich Moritz in Simmern. In ihrer neuen Heimat
errichteten die oranischen Prinzessinnen im Gedenken an ihre Herkunft
Ableger des mächtigen Familienbaums. So entstanden die Schlösser Oranienburg
bei Potsdam, Oranienstein bei Dietz, Oranienbaum bei Dessau und Oranienhof
in Simmern als niederländische Dependancen.
Hätten
die Ausstellungsmacher allein auf diese familiären Verzweigungen den Akzent
gesetzt, wäre vielleicht eine profilierte, gut überschaubare Präsentation
entstanden. In Krefeld werden hingegen viele Punkte tangiert, die eigentlich
einer eigenen Ausstellung bedurft hätten. So führen zwei Räume den Betrachter
nach Brasilien, wo Johann Maurits, Statthalter von Kleve und Mark, acht
Jahre als Generalgouverneur lebte. Das umfangreiche südamerikanische Kolonialisierungs-
und Forschungsprojekt wird durch die wenigen Exponate ganz und gar unverständlich.
Auch zarte Zweige bedürfen angemessener Pflege. Das Mauritshuis in Den
Haag hatte vor Jahren diesem Thema ein umfassendes Ausstellungspanorama
gewidmet. Johann Maurits naturhistorische und ethnographische Sammlung,
die er aus Brasilien mitbrachte, prägte die Sicht auf die Neue Welt entscheidend.
Ebenso
verschenkt sind wichtige historische Dokumente, die in der Hängung und
ohne ausreichende Erklärung für die Kenntnis des Betrachters nutzlos bleiben:
Politische Allegorien auf Flugblättern - ihre Motive wirken auf Kacheln
und Ofenplatten bis in die Alltagskultur hinein - zeugen von der politischen
Reflexion in den niederländischen Städten Leiden und Haarlem, Amsterdam
und Rotterdam und von der Selbstversicherung der jungen niederländischen
Nation. Orangenbaum, Löwe und hollandse tuin, der umzäunte holländische
Garten, sind bis heute gültige politische Metaphern. Diese Zusammenhänge
kann man nur erahnen. Kunst- und kulturgeschichtliche Sinnzusammenhänge
werden dem Betrachter nicht deutlich und so irrt er verloren durch das
verzweigte Haus Oranien.
Freilich
bleiben dem Besucher bei über 420 Exponaten die künstlerischen Highlights.
Der Utrechter Maler Gerard van Honthorst erzählt in seinem monumentalen
Gemälde "Granida und Daiphilo" von der Liebe der schönen persischen Prinzessin
zu dem jungen Hirten; die beiden fliehen nach Arkadien, dem utopischen
Glücksland der Antike - ein barocker Entwurf einfachen erotischen, unbekümmerten
Lebens gegenüber höfischer Etikette und Pracht. Honthorst, kurz zuvor
aus Italien zurückgekehrt, huldigt mit seinem Malstil Caravaggio und löst
das Interesse der Regenten in Den Haag mit einer an Italien geschulten
europäischen Bildsprache ein. Das Werk mit seinem literarischen Charakter
steht als Beispiel für fürstliche Sammeltätigkeit.

zur
Gesamtansicht
Liebhaber
höfischen Lebensstil des Barock können sich an zahlreichen Portraits der
oranischen Familienmitglieder erfreuen, Bewunderer des Kunsthandwerks
an kostbaren Vasen aus dem Porzellankabinett von Schloß Oranienbaum. Das
Medium der Ausstellung als anschauliche Erschließung kulturgeschichtlicher
Zusammenhänge mit eigener sinnlich-visueller Information verfehlt durch
Wildwuchs und Profilmangel allerdings sein Ziel. So war und ist es stets
mühsam, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennt.
Zu sehen
bis zum 18. Juli 1999 im Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld; vom 15. August
bis 14. November 1999 im Schloß Oranienburg bei Potsdam; vom 16.
Dezember 1999 bis 20. März 2000 im Paleis Het Loo in Apeldoorn.
Der
Katalog kostet 49.- DM, der Aufsatzband 59.- DM, beide zusammen 89.- DM.
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