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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum

 

Krefeld sieht Orange

von Nicola Viehbach
Krefeld sieht Orange
"Orangenbaum"

In einem Vers seines Mai-Liedes verkündete Joost van den Vondel: "Hoe is's te dycken onder den Oranje Boom" - "Ach wie selig ist's sich niederzulassen unter dem Orangenbaum". Er dichtete den Vers 1626 anlässlich der Geburt von Prinz Wilhelm II. von Oranien-Nassau. Das Haus Oranien war zu diesem Zeitpunkt das regierende Fürstenhaus in den Niederlanden. Der Orangenbaum war Ausdruck des Namens und der Genealogie. Das Familiensymbol entwickelte sich zum festen Bestandteil nationaler Ikonographie. Noch heute ist Orange niederländische Nationalfarbe.

Krefeld widmet nun mit Onder den Oranje boom - Niederländische Kunst und Kultur im 17. und 18. Jahrhundert an deutschen Fürstenhöfen den Oraniern eine kunst- und kulturgeschichtliche Ausstellung. Krefeld befand sich von 1600 bis 1702 als Teil der Grafschaft Moers unter oranischer Herrschaft. In dieser Zeit erlebte die Stadt einen beträchlichen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Ansiedlung religiös verfolgter Mennoniten, deren Know How und Kapital in das Textilgewerbe eingingen - bis heute der Grundstock für die Samt- und Seidenindustrie. Diese Verknüpfung mit der eigenen oranischen Vergangenheit war Anlass der Ausstellung, wird jedoch in der Präsentation nicht direkt thematisiert.

Nach fünfjähriger Vorbereitungszeit nennen die Veranstalter die Ausstellung "kulturell und touristisch eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres 1999, das bis in das Jahr 2000 läuft" und es "soll ein Beitrag zur Förderung der kulturellen Zusammenarbeit in Europa sein". Unter sechzehn Aspekten möchte man die Rolle des Hauses Oranien als Vermittler der niederländischen Kultur in deutschen Territorien veranschaulichen.
Besonderes Gewicht wird auf die Person Wilhelms I., des Schweigers (1533-1584), gelegt. Zahlreiche Bildnisse erzählen von seinem Kampf gegen die spanische Terrorherrschaft des Herzogs von Alba, der dem Gründer des oranischen Geschlechts schon zu Lebzeiten den Namen "Vater des Vaterlandes" einbrachte. 1544, im Alter von elf Jahren, erbte der aus Nassau stammende Wilhelm das südfranzösische Fürstentum Orange, den Prinzentitel und vereinzelte Besitztümer in den Niederlanden. Um sein Erbe antreten zu können, siedelte er in die Niederlande über. 1584 wurde Wilhelm in Delft ermordet. Sein Sohn Friedrich Heinrich ehelichte Amalia von Solms. Dem Ehepaar und seinen vier Töchtern ist ein Großteil der Ausstellung gewidmet. Dank geschickter Heiratspolitik fanden die niederländischen Prinzessinnen in deutschen Fürstenhäusern eine neue Heimat.

In Krefeld wird der niederländisch-deutsche Kunst- und Kulturtransfer durch diese oranischen Hochzeiten thematisiert. Nur vereinzelt wird dem Betrachter vermittelt, dass die Niederlande in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zur führenden Nation im Seehandel und in der Weltwirtschaft aufstiegen. In der Leidener Universität versammelte sich die geistige Elite des protestantischen Europa. Niederländische Maler wie Rembrandt waren auch über die Landesgrenzen hinaus berühmt und angesehen. Krefeld bemüht sich, diese wichtigen Gesichtspunkte miteinzubeziehen. In einem Raum liegen historisch wertvolle Dokumente der Leidener Universität aus, deren Bedeutung dem Betrachter freilich weder durch Detailinformationen noch durch den historischen Kontext erschlossen wird.

Jan Mijtens
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Ausführlich wird hingegen die Genealogie des Hauses Oranien dokumentiert, wodurch der Eindruck entsteht, einzig den vier Töchtern Amalia von Solms sei der kulturelle Austausch zwischen den Niederlanden und Deutschland zu verdanken: Louise Henriette heiratete den Kurfürsten von Brandenburg, Albertine Agnes zog zu ihrem Ehemann Wilhelm Friedrich nach Nassau-Dietz, Henriette Catharina wurde mit Johann Georg II. von Anhalt-Dessau vermählt und Maria lebte mit ihrem Mann Ludwig Heinrich Moritz in Simmern. In ihrer neuen Heimat errichteten die oranischen Prinzessinnen im Gedenken an ihre Herkunft Ableger des mächtigen Familienbaums. So entstanden die Schlösser Oranienburg bei Potsdam, Oranienstein bei Dietz, Oranienbaum bei Dessau und Oranienhof in Simmern als niederländische Dependancen.

Hätten die Ausstellungsmacher allein auf diese familiären Verzweigungen den Akzent gesetzt, wäre vielleicht eine profilierte, gut überschaubare Präsentation entstanden. In Krefeld werden hingegen viele Punkte tangiert, die eigentlich einer eigenen Ausstellung bedurft hätten. So führen zwei Räume den Betrachter nach Brasilien, wo Johann Maurits, Statthalter von Kleve und Mark, acht Jahre als Generalgouverneur lebte. Das umfangreiche südamerikanische Kolonialisierungs- und Forschungsprojekt wird durch die wenigen Exponate ganz und gar unverständlich. Auch zarte Zweige bedürfen angemessener Pflege. Das Mauritshuis in Den Haag hatte vor Jahren diesem Thema ein umfassendes Ausstellungspanorama gewidmet. Johann Maurits naturhistorische und ethnographische Sammlung, die er aus Brasilien mitbrachte, prägte die Sicht auf die Neue Welt entscheidend.

Ebenso verschenkt sind wichtige historische Dokumente, die in der Hängung und ohne ausreichende Erklärung für die Kenntnis des Betrachters nutzlos bleiben: Politische Allegorien auf Flugblättern - ihre Motive wirken auf Kacheln und Ofenplatten bis in die Alltagskultur hinein - zeugen von der politischen Reflexion in den niederländischen Städten Leiden und Haarlem, Amsterdam und Rotterdam und von der Selbstversicherung der jungen niederländischen Nation. Orangenbaum, Löwe und hollandse tuin, der umzäunte holländische Garten, sind bis heute gültige politische Metaphern. Diese Zusammenhänge kann man nur erahnen. Kunst- und kulturgeschichtliche Sinnzusammenhänge werden dem Betrachter nicht deutlich und so irrt er verloren durch das verzweigte Haus Oranien.

Freilich bleiben dem Besucher bei über 420 Exponaten die künstlerischen Highlights. Der Utrechter Maler Gerard van Honthorst erzählt in seinem monumentalen Gemälde "Granida und Daiphilo" von der Liebe der schönen persischen Prinzessin zu dem jungen Hirten; die beiden fliehen nach Arkadien, dem utopischen Glücksland der Antike - ein barocker Entwurf einfachen erotischen, unbekümmerten Lebens gegenüber höfischer Etikette und Pracht. Honthorst, kurz zuvor aus Italien zurückgekehrt, huldigt mit seinem Malstil Caravaggio und löst das Interesse der Regenten in Den Haag mit einer an Italien geschulten europäischen Bildsprache ein. Das Werk mit seinem literarischen Charakter steht als Beispiel für fürstliche Sammeltätigkeit.

Gerard van Honthorst
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Liebhaber höfischen Lebensstil des Barock können sich an zahlreichen Portraits der oranischen Familienmitglieder erfreuen, Bewunderer des Kunsthandwerks an kostbaren Vasen aus dem Porzellankabinett von Schloß Oranienbaum. Das Medium der Ausstellung als anschauliche Erschließung kulturgeschichtlicher Zusammenhänge mit eigener sinnlich-visueller Information verfehlt durch Wildwuchs und Profilmangel allerdings sein Ziel. So war und ist es stets mühsam, wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr erkennt.


Zu sehen bis zum 18. Juli 1999 im Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld; vom 15. August bis 14. November 1999 im Schloß Oranienburg bei Potsdam; vom 16. Dezember 1999 bis 20. März 2000 im Paleis Het Loo in Apeldoorn.

Der Katalog kostet 49.- DM, der Aufsatzband 59.- DM, beide zusammen 89.- DM.

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