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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum

 

Das Museum der Museen -
Die Hagener Schau zur Positionsbestimmung des Museums

von Asja Kaspers
Museum der Museen
Newsletter fingerspecial

"Was eigentlich macht das Museale am Museum aus? Was kann das Museum leisten, das nicht auch von den Medien zur Anschauung gebracht werden kann? Wie läßt sich das Museum als Institution und als spezifischer Ort weiterentwickeln? Mit welchen Fragen kann sich das Museum in Zukunft noch beschäftigen?"

Mit diesen Fragen bereitet das Karl Ernst Osthaus-Museum in Hagen seine Besucher auf die groß angelegte Ausstellung "Das Museum der Museen" vor. Sie versteht sich als Krönung einer 1988 begonnenen Ausstellungsreihe zur Reflexion des Museumsbegriffs; ihr Thema bildet zugleich - als Summe des langjährigen Museumskonzeptes - einen wichtigen Sammlungsschwerpunkt. Künstler aus dem In- und Ausland - zum Teil schon zum Inventar des Hauses zählend - versammeln sich zur Erkundung des Museums der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Dementsprechend fügt sich die Schausammlung mit ihren für das Museum typischen Hauptwerken, die das spezielle Anliegen des Hagener Museums belegen, in die Ausstellung ein. Erklärte Gegner sind die Massenmedien sowie der kommerzielle Kunstmarkt. Die Ironie übernimmt aus diesem Grunde im Karl Ernst Osthaus-Museum eine konzeptionelle Rolle, die den Besucher aus seiner üblichen Erwartungshaltung herauslocken soll. Ziel ist es, den Status der Museen als "heilige Hallen" samt ihrer Präsentation schon etablierter Kunst zu kippen. Im Osthaus-Museum geschieht dies auch durch ständige Konfrontation des Besuchers mit Unerwartetem.

Aus dem Würfelmuseum, Klumpenmuseum, Archiv Museum of Museums: Die Titel lassen das Programm als Arbeiten über Museen direkt erkennen. Als Kollektionen zu jeweils einem Oberbegriff thematisieren sie die Tätigkeit des Sammelns, die nicht nur auf die Wurzeln der Menschheit zurückgeht, sondern auch die Grundlage für Museumsarbeit bildet. Die Titel ÖMünz, fingerspecial oder der "Versuch einer Grundsätzlichen Neubewertung der Oberfläche" bleiben zunächst rätselhaft. So zeigt die Dokumentation des Projektes ÖMünz des Künstlerduos Schack/Schreiner eine Sammlung von Alltagsgegenständen und Abfall, die in Telefonzellen in ganz Deutschland gefunden, auf Karten aufgeklebt und mit fast bürokratischer Genauigkeit katalogisiert wurden. Auf einem ersten Ausstellungsweg wurden die Karten dem Partner per Post zugeschickt. Ähnlich einer Insektensammlung in einem Museum für Naturkunde sind die Fundstücke in der Ausstellung aneinandergereiht und ergeben eine Wandcollage, die sich im Detail und in ihrer Thematik erst dann zu erkennen gibt, wenn der Betrachter sie von Nahem abschreitet. Mit Hilfe einer Legende sowie Abbildungen der verschiedenen Telefonzellen werden eine Akribie und Spitzfindigkeit in der Vorgehensweise angedeutet, die sich im Zusammenhang mit den Abfallprodukten zur Groteske verbindet. Auch hier wird die Erwartungshaltung des Besuchers mit ihrer Umkehrung konfrontiert: Alltägliches wird durch den Transport in die Museumsräume wie Kunst in Szene gesetzt. Ein begleitender Text bezeichnet die Installation als "Museum der Manteltasche", die Archivierung der Materialien scheint eine spätere Auswertung zu versprechen, die jedoch nie ein sinnbringendes Resultat erzeugen kann.

ÖMünz bleibt eine imposant-witzige Idee, die zwar ein Schmunzeln auf das Gesicht des ein oder anderen Besuchers zaubert, ihn vielleicht sogar zum Philosophieren über menschliche Gewohnheiten anregt. Dennoch vermag ÖMünz - eine Kombination aus ready-made, arte povera und mail-art - den Anspruch des Ausstellungskonzeptes nicht zu erfüllen, da es keine neuen Resultate für das Museum birgt. Die Arbeit läßt sich durch eine ironische Selbstauffassung in die Reihe vieler Exponate des Osthaus-Museums integrieren. Als partieller Vertreter des Grundkonzeptes ist sie Anstoß zur Reflexion über Museen, über das Sammeln, über die Kunst bzw. Kunstgeschichte und nicht zuletzt über den Besucher des Museums, der seinen Kunstbegriff daran messen kann.

In einem Raum, ausgekleidet mit pastellfarbenen Newslettern und Papierblumen als Folie für eine nur untermalende Diashow, liegt der fingerspecial zur Mitnahme bereit. Als newsletter der Künstlergruppe finger, die sich mit aktuellen Kulturphänomenen auseinandersetzt, bietet das dünne Heft eine heterogene Auswahl an Informationen über verschiedene Arten von Sammlungen, Museen und Ausstellungen: Ein Altpapiercontainer der Stadtbücherei Offenbach ist eine Sammelstelle für abgelegtes Wissen. "Tiere, Menschen und Götter" sowie "Bewußte Freude - Zeitlos und unvergleichlich" lauten unter anderen Buchtitel, die dem Leihverkehr entzogen wurden. Als weiteres Kulturphänomen wird von einem Mann berichtet, der über den Dächern mit Hilfe einer Satellitenschüssel Fernsehkanäle sammelt. Doch was erfährt man über die Rolle des Museums in diesem newsletter? Es wird indirekt als Auftraggeber der Gruppe finger entlarvt, da es durch die Ausstellung Anlaß für die Thematik des newsletter gab. Als ‚sammelnde Institution' hingegen scheint das Museum eher unwichtig zu werden. Durch die vermittelte Beliebigkeit des Sammelns wird seine Gewichtung verlagert, die Aufgabe des Museums scheint in Zukunft also andernorts zu liegen. Welche das sein soll, wird nicht beantwortet.

Kunstausstellungen ...VorwortArent de Gelder
Krefeld sieht OrangeBerenice AbbottMuseum der MuseenTALK.Show I.TALK.Show II.
Henry MooreWa(h)re Kunst


  Stiller, Das Labor

Museum of Museums

Eine andere Herangehensweise manifestiert sich in der Arbeit Wolfgang Stillers. Eine Sammlung sortierter Latexgebilde - bekannte wie unbekannte, organische wie anorganische Formen - erinnern an Laboratorien der ersten Stunde. Die weichen hautfarbenen Objekte, die mitunter den Eindruck erwecken, als würden sie von enthäuteten, unbekannten Kreaturen stammen, werden in Kontrast zu dem statischen und kalten Mobiliar des Labors gesetzt. Einige Stücke sind an die Wand geheftet, noch nicht in einen formalen Zusammenhang gebracht - sie warten noch auf ihre Identifizierung. Anhand der Bündelung unterschiedlichster Größen, Formen und Oberflächenstrukturen wird eine Vielfalt der Natur simuliert. Nur ein Schild mit der Aufschrift: "Versuch einer Grundsätzlichen Neubewertung der Oberfläche" kennzeichnet diese bizarre Installation. Um welche Oberfläche handelt es sich? Geht es lediglich um die Anwendung eines herkömmlichen Ordnungssystems auf neuartige Erscheinungsformen als Möglichkeit einer Annäherung an Unbekanntes? Die Arbeit stiftet nicht nur Verwirrung, sondern schneidet eine weitere Besonderheit der Hagener Museums- und Ausstellungskonzeption an: Sie setzt auf sinnliche Eindrücke unterschiedlicher Art - positiv oder negativ. Stillers Arbeit erreicht durch ihre ungewöhnliche, übersteigerte Visualität eine Skurrilität, die dem Besucher im Gedächtnis bleiben wird.

Im folgenden Archiv Museum of Museums des Belgiers Johan van Geluwe kann ein ähnlich bleibender Eindruck jedoch nicht erreicht werden. Die im Vergleich vollkommen andersartige Zusammenstellung verzichtet auf eine sinnliche Präsentation. Etwa ein Dutzend Schaukästen bieten ein Sammelsurium an Literatur über oder von Museen aller Art an - ein Museum der Museen, das zum unbeweglichen Exponat wird und dem Besucher den Zugang erschwert.

Das Museum für Moderne Kunst von Hans-Peter Porzner wird dem Besucher mit Hilfe einer Computershow vorgeführt: Durch das Verschicken von Einladungskarten zu Ausstellungen, die nicht stattfanden, in Räumen, die nicht existierten, machte Porzner besonders in den Jahren 1992 bis 1997 im Raum München Furore. Diese Ereignisse sind im Osthaus-Museum - eingebunden in Porzners Biografie und künstlerischen Werdegang - anschaulich dokumentiert. Porzner erfand somit ein imaginäres Museum, das den Kunst- und Museumsbetrieb konterkariert.

Nach einem Rundgang durch die ständige Sammlung wird der Besucher noch einmal wachgerüttelt: Ein plötzlich ertönendes Glockenrad führt den Besucher in die wundersame Welt von David Wilsons The Museum Kircherianum. Umschlossen von einem dunkelroten, schweren Samtvorhang eröffnet sich dem Besucher eine Wunderkammer in diffusem Licht, die einzelne Entdeckungen des Athanasius Kircher, eines Universalgelehrten des 17. Jahrhunderts, neu interpretiert. Mit Hilfe von Miniatur-Dioramen innerhalb von Vitrinen aus weichem geschwungenen Holz werden Mikrokosmen erzeugt, die einige Schauplätze aus Geschichte oder aus Legenden illustrieren. Das Kultbild des "Fombum" beispielsweise spiegelt laut begleitendem Text das Interesse an der Kultur Chinas wider. Fombum sei eine verstümmelte Übersetzung des Wortes Buddah - die in einen Mantel gehüllte Figur gelte als für sich selbst geschaffene Personifizierung der verborgenen Tugenden und Vollkommenheiten. Fombum wird in eine Blüte aus bronzeartigem Metall projiziert, eine wesentlich kleinere Figur betet ihn von einem Blumenstengel aus an. Vollständig sichtbar wird das Diorama jedoch nur, wenn man durch die winzige Spiegelvorrichtung außerhalb der Vitrine blickt. Nach ähnlichem Schema - aus Kombinationen von transparenten, nur bedingt sichtbaren Dioramen einerseits und starren opaken Grundgerüsten andererseits - sind auch die übrigen Schaukästen aufgebaut. Die durchaus beeindruckenden Konstruktionen erinnern trotzdem an leicht kitschige Erleuchtungs- oder Heiligenbildchen. Diese Hommage an frühe Schatz- und Wunderkammern bietet den Abschluß der Ausstellung.

Die Hagener Schau will das Bild des Museums im Auge des Betrachters zu einem Bild einer sich verändernden, lebendigen Institution modifizieren, die noch nicht etablierter Kunst eine Chance gibt - zumindest solange sie sich mit der vorgegebenen Thematik auseinandersetzt. Das konsequente Hagener Museumskonzept ist ein interessanter Ansatz innerhalb einer sich größtenteils in eingeschliffenen Bahnen bewegenden Museumslandschaft. Allein deswegen fungiert es als Orientierung oder Reibungspunkt für andere Museen. Fraglich bleibt jedoch, ob die nötige Distanz zur Selbstreflexion gegeben ist. Die Fragen, die Das Museum der Museen aufwirft, verdienen Beachtung - die angestrebte Positionsbestimmung steht noch aus.


Die Ausstellung war vom 27. April bis 20. Juni 1999 im Karl Ernst Osthaus-Museum Hagen zu sehen.
Eine Katalog-Publikation ist in Vorbereitung.