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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum

 

Skulpturale Variationen eines Grundthemas

Henry Moore‘s Liegende in der Kunsthalle Recklinghausen
von Simone Holt

Henry Moore

Henry Moore
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Mit dem Abschied von Bonn als Bundeshauptstadt verschwindet auch eine politische Ikone aus den Medien und dem Bewußtsein: die monumentale Bronzeplastik Large Two Forms des englischen Bildhauers Henry Moore, ästhetischer Blickfang vor der funktionalistischen "Sparkassenarchitektur" des früheren Bundeskanzleramts. In unserer Wahrnehmung geriet sie zusehends zur visuellen Metapher für das politische Zentrum der "alten" Bundesrepublik. Noch ist die Frage, ob es ein Wiedersehen mit dem bekannten Kunstwerk im öffentlichen Raum Berlins an ähnlich prominenter Stelle geben wird, unbeantwortet.

Der Spruch „aus den Augen, aus dem Sinn" gilt für die 1965 im Eingangsbereich des Ruhrfestspielhauses Recklinghausen aufgestellte Two Piece Reclining Figure No. 5 nicht. Nur temporär mußten die Bürger "ihre" sogenannte Große Liegende missen, als das Theatergebäude 1998/99 gänzlich umgestaltet und ein neuer Standort für die Plastik gesucht wurde. Keine leichte Aufgabe, denn der Charakter der vormals geschlossenen, blockhaften Architektur hatte sich durch das Vorblenden einer die ganze Breite einnehmenden Glasfassade entscheidend gewandelt. Der gewonnenen Transparenz im Inneren entspricht die Öffnung nach Außen, zum angrenzenden Stadtpark. Daher war der ursprüngliche, vom Künstler selbst festgelegte Platz der Skulptur, das heißt ihre Bestimmung zwischen dem Betonbau und der Grünanlage zu vermitteln, nicht mehr obligat. Nun ist die Große Liegende in das harmonische Gesamtbild einbezogen und hat doch als autonomes Kunstwerk Bestand.

Ihre mit der Wiedereröffnung des Festspielhauses einhergehende Neuaufstellung war gewissermaßen der äußere Anlaß für die dortige Kunsthalle, die Aufmerksamkeit erneut auf die zum städtischen Wahrzeichen avancierte Plastik zu lenken und sie in einen größeren Kontext zu stellen; und zwar mit einer umfassenden monographischen Ausstellung, die das von Henry Moore vielfach behandelte Sujet der liegenden weiblichen Figur thematisiert. Die Jahre 1938 und 1983 markieren hier die Eckdaten einer langen Schaffenszeit, innerhalb derer sich der Künstler immer wieder mit diesem Motiv auseinandergesetzt hat. Daß es in seinem Œuvre allein quantitativ eine herausragende Stellung einnimmt, ist prima vista in der Präsentation offenkundig. Mehr als 60 bildhauerische und noch mal so viele graphische Arbeiten - überwiegend Leihgaben der Henry Moore Foundation in Much Hadham - sind im ehemaligen Hochbunker versammelt. Auf jeder der drei Etagen befindet sich, inmitten zahlreicher Maquetten und Werkmodelle, eine Großplastik. Diese konzeptionell bedingte, scheinbar einfache Anordnung stellte die Kuratoren zunächst vor technische Probleme, da beispielsweise die tonnenschwere Two Piece Reclining Figure: Points nicht über die einzige Treppe nach oben transportiert werden konnte.

Henry Moore
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Erst infolge des Aufstemmens der bis zu anderthalb Meter dicken Stahlbetonmauern des Kunstbunkers schaffte man den Durchbruch. In einer spektakulären Aktion hievte ein Autokran die Plastik ins erste Stockwerk. Ende gut, alles gut: Demnächst sollen die beiden provisorischen Öffnungen der rückwärtigen Fassade durch einen zweiten Aufgang, dann mit Fahrstuhl, ersetzt werden. Die Kosten und Mühen des noch nicht ganz abgeschlossenen Umbaus haben sich jedenfalls schon jetzt gelohnt, denn nur so gelangten jene - im doppelten Wortsinn - gewichtigen Exponate in die Recklinghäuser Ausstellungsräume.

Bevor der Besucher jedoch zu ihnen vordringen kann, muß er sich einen Weg bahnen entlang der dicht an dicht stehenden kleinformatigen Skulpturen im Erdgeschoß. Um eine direkte "Konfrontation" fast in Augenhöhe zu ermöglichen, hat man diese Arbeiten aufgesockelt. Es sind meist anthropomorphe Körper, darunter die naturalistisch anmutende Reclining Figure: Goujon (1956), aber auch ganz ungewöhnliche, abstrakte Darstellungen wie die von Schnüren durchzogene Stringed Figure (1939).

Henry Moore
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Zwischen diesen beiden Polen fächert sich die Werkgruppe der einteilig Liegenden auf. Im Experiment mit verschiedenartigen Materialien - Stein, Gips, Bronze, Hölzer - entdeckte und schuf der Künstler immer neue Gestalt- und Ausdrucksformen. Unterschiedliche Oberflächenstrukturen bieten außer dem optischen ein geradezu haptisches Erlebnis. Seine Idee der „Verlandschaftlichung des menschlichen Körpers" setzte Moore bildnerisch vor allem in der Betonung der Horizontalen, mittels geschwungener Konturlinien und einer „äußerst bewegten und dennoch rhythmisch gehaltenen Körper-Raum-Artikulation" (Christa Lichtenstern) um.

Der ausgehöhlte, deformierte Rumpf und das Aufbrechen der figürlichen Einheit verweisen schon auf die Bildfindung der zwei- und mehrfach geteilten Liegenden. Diese Werkgenese läßt sich auf der nächsten Ausstellungsebene nachvollziehen - anhand einiger Maquetten, deren bizarr geformte "Bruchstücke" Assoziationen an zerborstene Gegenstände hervorrufen. Gleichwohl bleiben alle Teile aufeinander bezogen, verbunden durch den immateriellen Zwischenraum, den der Bildhauer als formkonstituierend ansah. Auch bei der schon erwähnten raumgreifenden Two Piece Reclining Figure: Points besteht ein derartiges Spannungsverhältnis, das indes durch die zu starke punktuelle Ausleuchtung empfindlich gestört ist. Weist die Bronze an ihrem eigentlichen Platz im Freien (Düsseldorfer Hofgarten) bei natürlichen Lichtverhältnissen eine leicht changierende Farbigkeit auf, geht dieses Spektrum aufgrund der grellen Spots verloren. Wenn außerdem der Kontrast zwischen Relief und Politur dem Betrachter verborgen bleibt, hat leider das Kunstlicht die Blickregie übernommen.

Die auf der obersten Etage gezeigte Gruppe der Falling Warriors beinhaltet weitaus mehr als eine kritische Anmerkung im Werk Henry Moores, sie nimmt zu der liegenden weiblichen Figur eine gleichsam antithetische Position ein.

Falling Warriors
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Nicht der gerüstete Heros vor dem Kampf wird dargestellt, sondern der geschlagene, entkräftete Soldat als Opfer des Krieges. Daneben sind Seiten aus dem Shelter Sketchbook zu sehen, das 1940 während des deutschen Bombardements von London entstand, als die Bevölkerung Schutz in den U-Bahnschächten der Stadt suchte. Dieser historische Kontext erscheint für die inhaltliche Aussage maßgeblich, zugleich ist in den zeichnerischen Fassungen das zentrale Thema der Liegenden abermals eindringlich akzentuiert. Sie figurieren weniger als Entwurfsskizzen für die skulpturalen Werke, denn als eigenständige graphische Arbeiten. In diesem Medium setzte Moore wirkungsvoll eine ganze Bandbreite von Techniken ein. Die einzelnen Blätter lassen erkennen, daß er schrittweise vorging: von der eher flüchtigen Bleistift- oder Kohleschraffur hin zur elaborierten Federzeichnung, durch Aquarell- und Tuschlavierung malerisch grundiert.

Nicht zuletzt mit der Bildreihe der Shelter Drawings erlangte der zum Official War Artist ernannte Henry Moore große Anerkennung, wenngleich man ihn heute eher durch seine Großplastiken im Außenraum kennt. Und die Landschaft ist eben auch der Ort, an dem der Bildhauer seine Werke idealiter präsentiert sehen wollte: „Plastik ist eine Kunst des Freiraums. Sie braucht Tageslicht, Sonnenlicht. Mir erscheint die Natur als ihr bester Umraum und ihre beste Ergänzung. Ich würde meine Arbeiten lieber in der Landschaft haben (gleichgültig welcher) als in oder vor einem der schönsten Gebäude, das ich kenne."


Abbildungen aus:
Henry Moore, Kunstausstellung der Ruhrfestspiele (4. Mai - 1. August 1999), hrsg. v. Ferdinand Ullrich und Hans-Jürgen Schwalm.

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