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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum


"pictures that attack the eye"
- ein Vorwort zur Ausstellung

Konkrete Kunst, konstruktive Konzepte, Op Art oder gar rationale Malerei und Skulptur - das sind nur einige der Betitelungen jener künstlerischen Konzepte, die sich unter der Verwendung einer elementaren, geometrischen Formensprache optischen Phänomenen zugewandt haben. Will man die unterschiedlichen Positionen der geometrischen Kunst dennoch zusammenfassen, so sei dies mit jenem anonym gebliebenen Autor geschehen, der den wohl frühesten Artikel über Op Art (zumindest unter Verwendung dieses Begriffs) am 23. Oktober 1964 in der Londoner Time unter folgender Überschrift veröffentlicht hat: 'Op art: pictures that attack the eye'.

Es sind allen voran formale Verwandtschaften etwa in der elementaren Formensprache, der Farbwahl oder in der Entwicklung ästhetischer Kategorien wie das Prinzip 'Serie', die eine Reihe von Künstlern auf den ersten Blick zu einer Richtung zählen lassen. Publikationen wie Willy Rotzlers berühmtes Standardwerk 'Konstruktive Konzepte' untermauern diese ästhetischen Analogien. Dort wird beispielsweise mühelos eine Brücke von frühen konstruktivistischen Positionen der 20er Jahre über ähnliche Tendenzen in den 30er Jahren wie die Gruppen art concret oder circle et carré zur sogenannten Op Art der 60er Jahre geschlagen. Künstler wie Max Bill oder Josef Albers bilden dabei die Garanten für das Gelingen solcher Unternehmungen, sind sie doch Zeitzeugen und Protagonisten der Geschichte elementarer Kunst.

In der Regel aber sind neben den künstlermonographischen Betrachtungen seit etwa Ende der 60er Jahre verstärkt kunstwissenschaftliche Analysen auf den Plan getreten, die vornehmlich wahrnehmungspsychologische Aspekte erörtern. Zu nennen sind hier besonders Rene Parolas 'Optical Art' von 1969, Cyril Barretts Monographie 'Op Art' von 1970 und Karina Türrs 'Op Art' aus dem Jahre 1986. Besonders Karina Türrs Erkenntnisinteresse zielt auf eine systematisierende und klassifizierende Betrachtung der Op Art aus dem Blickwinkel der visuellen Effekte. 'Dominante Reihungen', 'Zentrierte Ordnungen', 'Moiré' oder 'Reversible Figuren' sind nur einige der sehr hilfreichen Kategorien zur Unterscheidung und Summierung künstlerischer Formensprachen. Unabhängig von der Urheberschaft werden die einzelnen Fallbeispiele von Almir Mavignier, Victor Vasarely oder Bridget Riley zur Klärung herangezogen. Diese 'anonyme Kunstgeschichte' der Op Art entspricht programmatisch dieser Richtung: Auf einfachster Ebene ist es die 'unterkühlte', überpersonelle Bildsprache, die keinen Hinweis auf die Individualität des Künstlers etwa durch den Pinselduktus verrät. Darüber hinaus aber ist es der kalkulierte Angriff auf den Sehsinn, wie es der Anonymus bereits Mitte der 60er Jahre formuliert hat, der keine individuellen, sondern allgemeingültige Aussagen über unsere visuelle Kultur treffen will - auch wenn sie zunächst aus Fragen bestehen. Diese Sinndimensionen finden sich in den Arbeiten und Zielsetzungen eines Josef Albers, Victor Vasarely, Francois Morellet oder Günter Fruhtrunk wieder. Neben diesen schon historischen Größen der Op Art haben sich eine Reihe von Künstlern wie Hartmut Böhm, Adolf Fleischmann, Gerhard von Graevenitz, Wolfgang Ludwig, Almir Mavignier oder Bridget Riley die bewußte Irritation des Sehsinns zum Gegenstand ihres Interesses gewählt. Einige dieser Künstler sind auch in der Ausstellung der RUB-Kunstsammlungen vertreten.

Die Nähe der Op Art zu den Wissenschaftszweigen der Wahrnehmungspsychologie oder gar Neurologie veranlaßte Türr sogar, die genannten Künstler mit Psychologen oder Neurologen zu parallelisieren. Nicht nur die Op Art-Künstler haben sich von Erkenntnissen der Naturwissenschaften beinflussen lassen; die Kunstgeschichte kann hier ein Vielzahl von Beispielen anführen. Doch von einer parallelen Wissenschaftsanalyse auf dem Felde der Kunst zu sprechen, verkennt die Stoßrichtung und Sinndimension der geometrischen Kunst. Ihre visuellen Versuchsreihen werfen mehr Fragen als Antworten auf, richten sich nicht an ein Fachpublikum aus Wissenschaft, Medizin oder Industrie und sind in diesem Sinne nicht in ein Verwertungskonzept eingebunden. Die in der RUB-Kunstsammlung präsentierten Arbeiten dokumentieren diese Eigenschaften: Gerhard von Graevenitz visualisiert das Prinzip 'Zufall' durch ein rationales Versuchsobjekt einer kinetischen Bodenplastik; Günter Fruhtrunk verweigert dem Betrachter systematisch die Projektion seiner Identität in das Bild und fordert eine bedingungslose Sachlichkeit, Almir Mavignier überlistet das Auge mit scheinbar monotonen Reihungen von Farbpunkten, und schließlich ist es der Altmeister Josef Albers, der in seiner berühmten Serie 'Homage to the Square' seine Vorliebe für Täuschungen im Gegensatz zu Tatsachen nicht verheimlicht. Die Wahl und Anordnung der Farbquadrate verrät in schon pädagogischer Vehemenz das Trügerische des Sehsinns gegenüber den Tatsachen der Herstellung. Mit Albers ließe sich auch das Motto dieser Ausstellung definieren, wenn er schreibt: „In der Wissenschaft ist 1 + 1 immer 2, in der Kunst kann es auch 3 sein."

Es ist nicht allein der exklusive Spielraum jenseits von Nützlichkeitserwägungen, der in Albers Aussage zum Tragen kommt. Hier spiegelt sich gleichermaßen das künstlerische Selbstverständnis und schließlich indirekt auch die gesellschaftliche Bedeutung mithin der gesamten Op Art. Schon das Interesse an optischen Phänomenen parallel zur Wissenschaft offenbart ein Streben nach gesellschaftlicher Aktualität jenseits von individuellen Hervorbringen, wie sie beispielsweise der Abstrakte Expressionismus oder das Informel der 50er Jahre, gegen die sich die Op Art-Künstler absetzen wollten, auf ihre Fahnen geschrieben haben. Das Streben nach Erkenntnisgewinnung und -vermittlung eines Josef Albers, Gerhard von Graevenitz oder Günter Fruhtrunk ist Ausdruck eines künstlerischen Selbstverständnisses nach gesellschaftlicher Aufklärung. Dabei spielt nicht nur die gezielte optische Irritation eine Rolle, sondern auch die Möglichkeit, die Rezeption, die Wahrnehmung zu animieren: Der simple Aufbau der Kunstwerke ermöglicht einen gezielten Zugriff auf das Werk, der nicht nur Kunstexperten vorbehalten ist. Dennoch ist eine individuelle Aneignung des Werks in seinen sinnlichen Merkmalen wie sinngebenden Inhalten ohne Vorbildung gegeben.

Überdies haben sich Künstler wie Albers, Fruhtrunk oder von Graevenitz dezidiert zur Zielsetzung ihrer Kunst geäußert: Sachlichkeit im ästhetischen Ausdruck, Aktualität der Formensprache in Hinblick auf die Lebenskultur einer fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Aufklärung statt Verschönerung des Lebens, um nur einige Aspekte zu nennen. In Anschluß an die Erforschung der optischen Phänomene und elementaren Formensprache der Op Art ließe sich also eine Geschichte der geometrischen Kunst in ihrem Selbstverständnis als erklärtenmaßen gesellschaftsrelevante Position verfassen.

Die Geschichtsschreibung zu innovieren, dies vermag die bescheidene, aber wohlfeile Ausstellung in den RUB-Kunstsammlungen zweifellos nicht. Dennoch sind die genannten Aspekte Folgeerkenntnisse der Erarbeitung der geometrischen Kunst in einem Seminar am Kunstgeschichtlichen Institut. Nachdem in bereits erprobter Weise die theoretischen wie konservatorischen Grundlagen der ausgewählten Fallbeispiele im Sommersemester erarbeitet wurden, fanden in den Semesterferien wie im Wintersemester die Vorbereitungen für die Ausstellung und die Broschüre mit Einführungstexten statt. Jochen Kabasch, Wanja Peters, Jessica Runte, Bettina Schwab und Janet Stahlmann haben hier einige Verdienste erworben. Nicht nur die Broschüre dokumentiert ihre erfolgreiche Arbeit, auch die Hängung, die in kontroversen Diskussionen entstanden ist, ist Ausdruck ihres Engagements. Es ist jedoch nicht zuletzt Nicole Grothe, die als Studentische Hilfskraft aufs Neue ihre Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit unter Beweis gestellt hat. Unermüdlich und zum Teil eigenverantwortlich hat sie empfindsame Phasen der Ausstellungsvorbereitungen organisiert. Ich bin ihr sehr zu Dank verpflichtet.

'Farbe. Form. Geometrie.' ist der schlichte Titel der Ausstellung, ist es doch das Bestreben der Ausstellungsmacher und -innen, keine lückenlose Präsentation der geometrischen Kunst zu zeigen und überdies, die gängigen Betitelungen wie Op Art, konkrete Kunst usw. nicht zu verwenden. Es sind vielmehr die vielschichtigen Dimensionen in formaler wie inhaltlicher Hinsicht, die sich in der Auswahl und Hängung spiegeln sollen. Unbelastet von begrifflichen Vorprägungen soll Unbekanntes überhaupt und Bekanntes in verändertem Lichte erlebt werden: Hingewiesen sei unter anderem auf die Unterscheidung von Malerei und Visueller Kommunikation, um einen Begriff der Ulmer Hochschule für Gestaltung zu verwenden. Albers, Fleischmann und Calderara entwickelten ihre geometrische Kunst dezidiert aus der Perspektive der Malerei, während Almir Mavignier und Wolfgang Ludwig ihre Konzepte aus dem Blickwinkel der Rezeptionsforschungen entwarfen und damit der sogenannten Visuellen Kommunikation nahestanden.

Die geometrische Kunst ist ein Schwerpunkt der RUB-Kunstsammlungen. Es lag nahe, einmal die Schätze aus dem Depot den bereits seit langer Zeit in der ständigen Sammlung präsentierten Arbeiten in räumlicher und konzeptioneller Verdichtung gegenüberzustellen. Mehrere Arbeiten von Albers, Fruhtrunk, Fleischmann oder Calderara - zuzüglich unbekannterer Positionen wie Mavignier oder Ludwig - sollen das Prinzip der jeweiligen Formensprache und die Verschiedenheit der Ansätze vermitteln. Es mußten auf weitere Arbeiten aus dem Magazin aus konservatorischen Gesichtspunkten leider verzichtet werden.

Überdies reizte es, die wissenschaftlichen Ambitionen der geometrischen Kunst in einer Universitätslandschaft zu präsentieren - gleichwohl zumindest gegenüber den Naturwissenschaften verschiedene Wissenschaftsbegriffe existieren. Nicht nur deshalb sei nochmals auf das Zitat Albers verwiesen, das eine strikte Eindeutigkeit von Rohstoff, Verfahren und Ergebnis zumindest in der Kunst verneint. Erfrischend wäre es, wenn sich diese Erkenntnis auch impulsgebend auf die Wissenschaft und nicht nur auf die Naturwissenschaft auswirken würde: Mag diese Ausstellung ein bescheidener Beitrag hierzu sein.

K. H.