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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum

 

Almir Mavignier

punctum
Serie von 7 Serigraphien in einer Mappe
1965
je 62 cm x 62 cm
Siebdruck auf Karton
Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum

Der Punkt, das Quadrat, die Farbe. Drei Exponenten, die sich unterschiedlicher nicht geben könnten, in ihrer Aufgabe als Bildgegenstand aber zu einem homogenen Zusammenspiel finden. Die gegenseitige Abhängigkeit dieser Exponenten läßt sich an den Graphiken des 1965 entstandenen Zyklus „punctum" nachvollziehen. In den Bildern Almir Mavigniers sucht der Betrachter vergeblich nach Emotion und gestalterischer Zügellosigkeit. Doch wäre es zu einfach, diese Bilder auf Punkt, Quadrat und Farbe zu reduzieren, sind diese doch letztlich nur Mittel zum Zweck für Ausdruck und Form.

„Punkte erscheinen in meinen Bildern zunächst, um Farbverläufe in der Malerei zu erzielen - durch rein optische Farbmischungen und nicht durch Pigmentmischungen", lautet eine Aussage Mavigniers zu punctum aus dem Jahre 1973. Demnach stand am Anfang die Frage nach der Darstellbarkeit von Farbe. Mavignier fand die Antwort in der geometrischen Gestalt des Punktes und erhob diesen zu seinem 'Medium' der Farbe. Der Punkt trifft jedoch nie isoliert auf den schwarzen Hintergrund, sondern in einer kalkulierten Anzahl von Punkten, die unterschiedlich groß zu Linien aufgereiht werden. Diese Punktreihen fügen sich in variierenden Anordnungen zu Rastern und nehmen eine Rechteckstruktur an. In der optischen Gesamtwirkung tritt der Punkt so weit zurück, daß sich der Eindruck einer farbigen Fläche ergibt.

Pro Rasterung verwendet Mavignier immer nur eine Farbe, deren Intensität durch den dunklen Hintergrund noch gesteigert wird. Die Überlappung der weitmaschigen Gitter und das Spiel mit der Größenanordnung der Punkte erzeugt beim Betrachter die Illusion von Farbmischung und Schattierung. Die Gegenüberstellung kräftiger Farben, wie Rot und Grün (Bild 5) sowie der ruhige, fließende Übergang in Gold und Silber (Bild 6) dokumentieren die Spannweite der gestalterischen Dynamik Mavigniers.

Gold und Weiß finden in den Siebdrucken der punctum-Serie am häufigsten Anwendung, aber auch Rot wird vom Künstler in drei Bildern eingesetzt. Mavigniers konzentriertes Farbinteresse wird spätestens im vierten Bild deutlich. Kombinierte er bis dahin nur einen schwarzen Hintergrund mit Anthrazit, Gold oder Weiß, so scheint hier ein farbenprächtiges Feuerwerk über den Betrachter hereinzubrechen. Mavigniers Wahl der Farben ist weder willkürlich, noch ist sie auf eine rein ästhetische Funktion ausgerichtet; sie zeichnet sich vielmehr durch ihren wohlbedachten Einsatz aus.

Die Farbe verfügt möglicherweise über einen gewissen Symbolcharakter, der sich besonders im siebten Bild andeutet. Der Künstler stellt die Kardinalfarben Blau und Rot gegenüber; ein Kontrast der gerade in der christlichen Ikonographie eine zentrale Rolle spielt.

Als Absolvent der Ulmer Hochschule für Gestaltung und Schüler von Max Bill sind für den gebürtigen Brasilianer wissenschaftliche Kühlheit und rationale Kontrolle der Weg zum Ausdruck. Mavignier verlangt, daß sich seine Bilder entfernen „vom Künstler und den chaotischen Einflüssen wie Geschmack, Tradition, Mode und Kunsthandel oder Prestige". Inmitten dieser kalkulierten Erhabenheit jedoch entwickeln die Bilder ein Eigenleben, daß in der Kommunikation mit dem Betrachter begründet liegt.

Durch das Zusammenspiel von Raster und Farbe entsteht die optische Täuschung rhythmisierender Lichteffekte, die der Betrachter individuell erfährt. Die unkontrollierte Wahrnehmung erzeugt innerhalb der Bildstruktur eine vibrierende Spannung und Bewegung, die aus der definierten Form letztlich ein undefinierbares Erleben schaffen und das mathematische Kalkül Mavigniers zu widerlegen scheinen. Das Spiel mit der tiefenperspektivischen Wirkung treibt er bis zur absoluten, dreidimensionalen Täuschung, indem er mit seinen kontrastierenden Farben und überlappenden Punktrastern das Auge des Betrachters bis auf das Äußerste reizt (Bild 5 - 7).

In dem Paradox zwischen Ratio und Imagination liegt die künstlerische Leistung Mavigniers begründet, denn er betätigt sich zwar als Schöpfer, der seinem Produkt formale Vorgaben erteilt, überläßt es dann aber seiner Eigenverantwortung mit der Möglichkeit autonom zu handeln. Durch 'visuelle Kommunikation' mit dem menschlichen Auge entsteht eine aktive und individuelle Wahrnehmung, die sich trotz der kalkulierten Strenge der Steuerung durch den Künstler entzieht.

Im zweiten Bild der punctum-Serigraphien demonstriert Mavignier die Wechselbeziehung zwischen Künstlichkeit und freier Kontur, indem er aus an- und abschwellenden Punkten eine organisch erscheinende Wellenform entstehen läßt. An diesem fein abgestimmten Zusammenspiel wird der Reiz und die Provokation deutlich, die der Betrachter erfährt, wenn er sich auf Mavigniers eigenwillige Kompositionen einläßt.

Mit seinen optischen Systemstrukturen steht Almir Mavignier in der Tradition der konkreten Malerei und der Op Art. Nicht unerwähnt darf sein Schaffen im Bereich der Plakatgraphik bleiben, die er ausschließlich für Kunst- und Kulturausstellungen schuf. Die gestalterische Eleganz und logische Strenge der fast 200 Exponate, fand jederzeit große Anerkennung. Die Parallele zu punctum ist unübersehbar, hier und auch in seinen Ölbildern verwendet der Künstler das stilistische Motiv des Rastergitters. Der Punkt wird allerdings durch präzis gesetzte Farbtupfer ersetzt, zugunsten angestrebter Reliefeffekt.

W. P.