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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum


Gerhard von Graevenitz

Ohne Titel (Kinetisches Objekt)
1983
Holzplatte, vier Metallstäbe, Elektromotor
150 x 150 x 89 cm
Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum

Das künstlerische Interesse Gerhard von Graevenitz' liegt in der Untersuchung und Visualisierung von Phänomenen wie Bewegung, Licht, Raum, Zeit, Struktur, Zufall oder Progression. Er gilt als einer der konsequentesten Vertreter der konstruktiv-konkreten Kunst der jüngeren Generation, der sich hier besonders der Kinetik zugewandt hatte. Am Ende zielt seine Kunst auf die Beteiligung des Publikums am Kunstwerk und auf eine 'Entmystifizierung des kreativen Prozesses', wie von Graevenitz beschreibt.

Der Aufbau des Bodenobjektes ist einfach: Auf einer weißen, quadratischen Holzplatte wurden vier etwa 80 cm lange, schmale Metallstäbe gesetzt. Ihre Positionen markieren vier Eckpunkte eines Quadrates, das - in kleinerem Maßstab - das Quadrat der Holzplatte wiederholt. Alle vier Stäbe werden von einem kleinen Elektromotor in Bewegung gebracht, wobei die jeweiligen Bewegungsrichtungen individuell bleiben. Bewußt hat von Graevenitz kein einheitliches Bewegungsmotiv gewählt, so daß gewissermaßen das Prinzip 'Zufall' herrscht und sich schließlich eine beinahe unendliche Vielzahl von möglichen Konstellationen der Stäbe im Raum ergibt. Stets aufs Neue scheinen die vier Stäbe den von ihnen 'durchkreuzten' Raum zu definieren, wobei das Spiel von Licht und Schatten diese Wirkung unterstützt.

Nach anfänglichen willkürlichen Experimenten mit Materialien und künstlerischen Verfahrensweisen in den späten 50er Jahren begann von Graevenitz systematisch den 'kreativen Prozeß' in Hinblick auf mögliche, geplante wie zufällige Ergebnisse zu beeinflussen. Ähnlich wie die Künstler der Düsseldorfer ZERO-Gruppe mit Günther Uecker, Heinz Mack und Otto Piene oder gar J.J. Schoonhoven, denen von Graevenitz verbunden war, entstanden weiße Reliefs mit mehr oder weniger gleichmäßigen Strukuren aus Vertiefungen und Erhöhungen. Die Systematisierung des künstlerischen Arbeitens ist im Zusammenhang mit der von ihm 1962 mitgegründeten Gruppe 'Nouvelle Tendance' zu sehen, deren Ziel die Einbeziehung des Betrachters und die Entmystifizierung der Kunst war. Für diese Absichten spielte die Einführung des Zufalls als ästhetische Kategorie eine wichtige Rolle. Die Folge waren beispielsweise das Paradox einer gesteuerten Anwendung des Zufalls bei der Entwicklung einer kompositionellen Struktur oder die 'Herstellung' des Zufalls durch das Kunstwerk selbst. Es entstanden unter anderem sogenannte 'Spielobjekte'. Dabei handelt es sich um reliefartige Wandobjekte, deren geometrische, gleichmäßig über die Objektfläche verteilte Elemente in Stab- oder Kreisform durch Motoren einzeln bewegt werden. In der Betrachtung kann weder die Gesamtheit der sich stets verändernden Formation, noch die Bewegung der einzelnen Elemente zugleich betrachtet werden. Der Blick pendelt unruhig zwischen der Gesamtstruktur und dem Einzelelement, wobei die Erfahrung des Zufalls potenziert wird: Die komplexe, sich ständig verändernde Struktur erschwert die Vorausbestimmbarkeit der nachfolgenden Konstellationen.

Das Bodenobjekt in den Kunstsammlungen der Ruhr-Universität bezeugt das Anliegen von Graevenitz', den Zufall in der Kunst zu untersuchen und zu veranschaulichen. Der einfache Aufbau der Arbeit ist mit wissenschaftlichen Laborexperimenten vergleichbar: Die Materialien und deren Verwendung sind nachvollziehbar. Dieser Exaktheit steht das Ergebnis geradezu irritierend gegenüber: Die Anordnung der Stäbe im Raum ist nicht im voraus bestimmbar; es herrscht trotz des Kalküls der Zufall: „Zufall bezieht sich auf einen Prozeß, das heißt, wenn ein Ereignis nicht notwendig eintritt, sondern nur eintreten kann, dann ist es zufällig."

Gezielt stellt von Graevenitz rationale Verfahren in der künstlerischen Arbeit nicht-rationalen Ergebnissen, das heißt Kunstwerken und deren ästhetischen Erfahrung gegenüber. Er setzt sich damit gegen die Vorgängergeneration der konstruktiv-konkreten Kunst beispielsweise eines Max Bill ab, der noch von dem Modell einer allgemeingültigen Wahrheit und ihren möglichen Variationen ausging. Vergleichbar in seiner programmatischen Grundierung ist von Graevenitz eher mit Josef Albers oder Francois Morellet.

K. H.