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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum


Günter Fruhtrunk

Ohne Titel
7 Serigraphien auf Papier
1972
je 62 x 62 cm bzw. 50 x 70 cm
Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum
(Kunstbesitz der Ruhr-Universität)

Das künstlerische Programm des Münchner Malers Günter Fruhtrunk ließe sich als eine Suche nach unbedingter Sachlichkeit beschreiben. Sein Mittel ist die Farbe, die er von jeglicher 'Fremdbestimmung', das heißt von allen kulturell überlieferten oder individuellen Bedeutungen befreien will. Seine Bildsprache zielt am Ende auf einen Zustand, den Fruhtrunk selbst als 'Freisein des Sehens' bezeichnet.

Kennzeichnend für Fruhtrunks Bildästhetik sind verschiedenfarbige, flächig-monochrome Balken, die sich diagonal über das Bild legen. Kein Pinselduktus, keine malerische Handschrift ist erkennbar. Das Bild ist gewissermaßen anonymisiert. Die mit Acrylfarbe gemalten Balken variieren in ihrer Farbigkeit, Anordnung und Stärke. Nicht selten werden gegenläufige 'Schnitte' zur Dynamisierung der Komposition eingesetzt. Bei genauerer Betrachtung fallen die schmalen Farbstriche an den Konturen stärkerer Balken auf, die die Dynamik der Balkenformation unterstützen. Sie irritieren die Schärfe der Konturen, das heißt die Abgrenzungen der Farbfelder.

Im ganzen vermeidet Fruhtrunk eine Tiefenräumlichkeit. Noch in den 50er Jahren von den dynamischen Raumvorstellungen der Suprematisten um Kasimir Malewitsch beeinflußt, gelangte Fruhtrunk seit den frühen 60er Jahren zu einer strikten Verneinung einer Raumillusion in der Fläche. Der Betrachter kann nicht mehr unterscheiden, welche Farbe den Hintergrund und welche den Vordergrund bildet. Es ist für Fruhtrunk die Konsequenz aus dem Bemühen, das Bild von Fremdbestimmungen zu befreien: Denn so werden Versuche, die eigene Identität in das Bild zu legen, verhindert, wie Fruhtrunk schreibt: „Mit dem Aufgeben des Primats des sich in Material und Malvorgang hineinprojizierenden Ich ist auch der imaginäre unendliche Raum verlassen, der die Dinge enthält, enthalten könnte. Reine Farbe wird zu einem Höchstmaß ihr innewohnender Lichtintensität gesteigert. Sich durchdringende Farbstrukturen und Partikel, die ihre Eigenfarbigkeit je nach Quantitätsverhältnissen und Beeinflussung verlieren, heben sich durch ihre trennende und verbindende Gleichzeitigkeit als möglicher Raum auf. (...) Das visuelle Wahrgenommene zieht uns nicht durch das Gestaltete hindurch in eine 'andere Welt', sondern entwickelt sich im Sehvorgang als ständig Werdendes zu seiner rhythmisierten Lichtenergie zurück und durchstößt das von allem Benennungswert freie Farb-Licht."

Fruhtrunk ist um eine Aktivierung des Sehvorgangs bemüht, allerdings jenseits von Wünschen, Erfahrungen und Überlieferungen. Die 'Anonymisierung der ästhetischen Bildsprache' folgt Fruhtrunks Vorstellung von einer Versachlichung der Kunst, die allein auf die Wahrnehung des Sichtbaren zielt: „Nicht Idealisierung, heroische Spannung, Seinsverklärung und Weltauslegung im Ungegenständlichen und mit Gestik beschwerender Materialität auf der Fläche wird wahrnehmbar: sondern Freisein des Sehens kommt zur Entfaltung in der Fläche." Fruhtrunk steht damit in der Tradition der geometrischen Kunst, etwa der 'konkreten kunst' eines Max Bill, und läßt sich zur amerikanischen Minimal Art parallelisieren.

K. H.