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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum


Adolf Fleischmann

Die Raumebenen eines Bildes
Serie von 6 Serigraphien in einer Mappe
1966
je 60 x 74 cm
Siebdruck auf Karton
Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum

Viele der Bilder von Adolf Fleischmann aus den Jahren vor 1945 sind verlorengegangen, denn das Leben des Künstlers war während des Zweiten Weltkrieges von Emigration und Flucht geprägt. Erst 1950, im Alter von 58 Jahren, entwickelt Fleischmann mit dem Bild 'Tonalité grise sur noir' jenes System aus 'Bausteinen', das er in den folgenden Jahren vielfältig abwandelte. Die in der Ausstellung gezeigten Exponate sind Beispiele dieser Variationen, die in diesem Sinne charakteristisch für Fleischmanns Spätwerk sind.

Die ausgestellten sechs Serigraphien entstanden 1966 nach Gouachen des Künstlers aus den Jahren 1950 und 1951. Fleischmann hat Wert darauf gelegt, daß der Pinselduktus auch bei der Vervielfältigung der Gouachen mittels des Siebdrucks erhalten bleibt, denn die unregelmäßigen Konturen der Linien, die sichtbaren Ansätze und Ausläufe des Pinsels, und die wechselnde Transparenz der Farben machen einen nicht geringen Teil der Wirkung aus.

Alle sechs Siebdrucke sind nach dem gleichen Muster aufgebaut: Aus einem gleichmäßigen, einfarbigen Grund treten farbige horizontale und parallel geführte Linien mit unregelmäßigen Konturen 'reliefartig' hervor. Die Linien formieren sich zu L-förmigen Flächen, indem sie von abgestuften Mischfarbtönen definiert und in ihrem Verlauf unterbrochen werden. Diese Winkelflächen, von Fleischmann 'équerres' genannt, verzahnen sich ineinander und ergeben so eine teppichhaft verflochtene und in gedämpften Farben gehaltene Grundstruktur, wobei sich die Farbigkeit der équerres jedoch zur Bildmitte hin meist steigert. Zum Bildrand hin enden jeweils die parallelen Linien ohne Rücksichtnahme auf die orthogonalen équerres, so daß ein Oval, ein Oktant oder auch eine Raute entsteht. Dieses Binnenformat nähert sich behutsam dem Bildrand oder berührt ihn sanft.

Mehrere vertikale, parallele Linien von gleicher Länge überschneiden das horizontale Linéament und die équerres. In manchen Fällen sind sie in ihrer Höhe versetzt und in unterschiedlichen Distanzen plaziert. Sie sind breiter als die horizontalen Linien, meist unregelmäßig über dem Zentrum des Binnenformats verteilt und wieder in verschiedenen Farbtönen gehalten, die jedoch meist kräftiger und reiner als die der Grundstruktur sind.

Fleischmann definiert in seinem Spätwerk den Bildraum als eine Überlagerung verschiedener Strukturen: Die von den horizontalen Linien gebildete Grundfläche ist sowohl durch die Farbigkeit der aneinandergefügten équerres als auch durch die ihr eigene Vibration - hervorgerufen von der Parallelität und den unregelmäßigen Konturen der Linien - rhythmisch bewegt.

Das von Fleischmann gewählte Binnenformat, etwa ein Oval oder eine Raute, begrenzt diese Vibration und hebt die Linienformation gleichzeitig von der monochromen Untergrundfolie ab. Oft hat man mit dieser Form der Verdichtung zur Bildmitte hin Fleischmanns Nähe zu den Kubisten gesucht, aber im Unterschied zu diesen bildet er das Oval indirekt, das heißt durch das Beenden der horizontalen Linien, und nicht direkt durch eine Kontur.

Eine dritte Ebene ergibt sich aus den vertikalen Linien, die sich nicht nur formal, sondern auch durch ihre kräftige Farbigkeit von der horizontal gestreiften und in gebrochenen Farben gehaltenen Grundstruktur abheben. So wirken sie wie Stäbe, die - sich gegenseitig im Gleichgewicht haltend - vor einer rhythmisch bewegten Fläche schweben. Die reale Bildfläche ist hier nicht identisch mit der Erscheinung der Bildformen: Das Figur-Grund-Verhältnis wird neu definiert, wenn sich die Bildfläche in einen Aktionsraum verwandelt.

Adolf Fleischmann hat die genannten Bausteine in vielen Bildern dieser Werkphase verwendet und in der Regel nur leicht variiert, um - ähnlich wie bei Josef Albers - Wirkung und Wahrnehmung von Farben und Formen zu untersuchen. So haben zum Beispiel die vertikalen Stäbe je nach ihrer Farbgebung - in Hinblick auf ihre Wirkung - eine größere oder geringere Distanz zur Grundfläche. Auch die Wahl des Binnenformats als Oval oder Raute ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung: Je geringer seine Ausdehnung ist, desto intensiver erscheint die kompositionelle Verdichtung in der Bildmitte.

Ein Charakteristikum, das allen diesen Bildern zu eigen ist, ist die 'Interferenz', die Rolf Wedewer als „die wechselseitige Überlagerung von mindestens zwei einander sonst ausschließenden Stilprinzipien bei Aufrechterhaltung der Gegensätze" definiert: Fleischmanns Linien bilden Flächen. Die Farbfelder werden nur von der Anzahl und Länge der farbigen Linien bestimmt. Beide, Linien und Flächen, werden vom Betrachter simultan wahrgenommen.

Ein durch die wechselnde Strichstärke der horizontalen Linien malerisch aufgelockerter, aber dennoch geometrisch flächig organisierter Grund entsteht, so daß schließlich das Malerische (Emotion) mit dem Linearen (Ratio) verbunden wird.

Fleischmanns Bilder sind eine Kombination gleichartiger und gleichwertiger Formen: Die verschiedenen Bausteine dieses modularen Systems befinden sich immer in einer schwebenden Balance, welche Rhythmus und geordnete Harmonie in gleichem Atemzug ausstrahlt.

A. Zwar kann man Fleischmann die Entdeckung des kinetischen Potentials der Linie zuschreiben, und vielleicht hat er sich deshalb im Nachhinein als Vorläufer der Op Art empfunden, vergleicht man jedoch seinen handschriftlich-malerischen Pinselduktus mit der unpersönlich-technischen Glätte der Op Art, so erkennt man den Unterschied: Bei Fleischmann ist die Vibration lediglich ein formaler Aspekt, bei den Vertretern der Op Art ist sie Mittel für eine im Vergleich aggressive Irritation des Auges im Prozeß der Wahrnehmung. Fleischmann dagegen geht es um die Darstellung von schwingender Balance und rhythmischer, aber in sich ruhender Harmonie.

J. R .