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Kein Künstler des 18. Jahrhunderts hat sich so umfangreich wie Piranesi über seine Kunst in schriftlicher Form geäußert
und damit die Grenzen zwischen Wissenschaft, Literatur und bildender Kunst überschritten. Faszination und Vielschichtigkeit
des Künstlers als Schriftstellers - hier mit dem Untertitel der Ausstellung als Poetische Wahrheit umschrieben - äußern sich
auf zwei Ebenen: in seinen umfangreicheren Texten, z.B. in den Einleitungen zu den gebundenen Folgen und in den
Bildlegenden der Radierungen. In diesen greift er auf ältere Traditionen des Zusammenwirkens von Bild und Schrift zurück.
Dabei handelt es sich nicht nur um nüchterne Titelgebungen der Gebäude, ihres Alters und baulichen Zustands oder ihrer
Funktion, sondern auch um Hinweise zu Fundumständen oder Anekdoten. Leidenschaftlich sind Piranesis Plädoyers für
die etruskische und römische Kunst, scharf und teilweise bissig sein Witz und seine Polemik.
"Dieses Werk ist keines von denen, die in den überfüllten Regalen der Bibliotheken begraben werden. Seine vier Bände
umfassen ein neues System der Monumente des antiken Rom. Es wird in zahlreichen Bibliotheken in ganz Europa vertreten
sein, und besonders in der des höchsten christlichen Königs. Und das ist der Grund, anzunehmen, daß der Name seines
Verfassers in die Ewigkeit eingehen wird, zusammen mit seinem Werk... Ist es nicht ein höchst unerfreulicher Umstand,
daß ich nun, nachdem ich meine Gedanken, mein Talent, Arbeit und Geld investiert habe, nachdem ich unaufhörlich acht
Jahre lang daran gearbeitet habe, dieses Werk Eurer Lordschaft würdig zu machen, beleidigt werde?... Deshalb ist es an
der Zeit, meine Ehre zu retten. Sollte ich gezwungen werden, die Widmung zu tilgen, so bitte ich Euer Lordschaft dies
nicht als Angriff auf Eure Vorfahren anzusehen, sondern als eine Wiedergutmachung, die ich mir schulde. Wenn einst
meine Lebensgeschichte neben denen anderer Künstler geschrieben wird, will ich nicht als Schmeichler angeklagt werden...,
der in niedrigem Ansehen bei denen steht, an die er sein Lob verschwendet hat. Falls Euer Lordschaft nicht den Knoten
zerschlägt, falls Sie mir nicht Gerechtigkeit erweisen und mich vor Verleumdung bewahren, kann ich, als Ehrenmann oder
ohne mich selbst lächerlich zu machen, Sie nicht mehr als Beschützer der Künste und mich nicht als einen Künstler, der
Ihre Protektion erhalten hat, nennen. Und falls ich Sie dem Anschein nach in den 70 Exemplaren meines Werkes, die
bereits verkauft wurden, so genannt habe, dann muß ich der schmerzhaften Tatsache ins Gesicht sehen und meine
eigene Dummheit anklagen sowie versuchen, mich vor der Welt zu rechtfertigen. Ich muß Sie auffordern im Gedächtnis
zu behalten, daß, so wie ein Adliger auf seine Vorfahren Rücksicht zu nehmen hat, auch ein Künstler, der seinen Namen
der Nachwelt überliefern will, auf seinen eigenen guten Ruf und den seiner Nachkommen bedacht sein muß. Ein Adliger
ist stets der letzte seines Namens, ein Künstler stets der erste; beide müssen mit gleichem Taktgefühl handeln."
aus: Lettere di Giustificazione scritte a Milord Charlemont
(Verteidigungsbriefe an Lord Charlemont), 1757
"Ich werde die schwere Verpflichtung haben, zu untersuchen, nicht nur ob die schönen Künste, sondern auch, ob die
Sprache, die Wissenschaften, die Philosophie, die Religion, die Politik, kurz und gut all das, was man zu jener Zeit in
Italien an Wertvollem besaß und was eine Nation braucht, um sich vor den anderen auszuzeichnen, zu den Griechen
von den Völkern Asiens und von den Griechen zu den Italienern oder von den Italienern zu den Griechen gekommen ist.
Die schönen Künste erfordern all diese Untersuchungen; alle diese Dinge müssen wie die schönen Künste jedes für sich
gesondert betrachtet werden. Bis jetzt hat niemand in dieses Dickicht eindringen wollen und zwar aus keinem anderen
Grunde als aus reiner Trägheit des Geistes."
aus: Della introduzione e del progresso delle belle arti in Europa ne' tempi antichi
(Einführung und Fortgang der schönen Künste in Europa in der Antike), 1765
"Ich schmeichle mir, daß ich mit dem bisher Gesagten die ägyptische wie die etruskische Architektur von dem Makel befreien
konnte, den man ihr bisher fälschlich beigelegt hatte, und daß ich damit zugleich selbst gerechtfertigt bin, weil ich in meinen
Entwürfen den griechischen mit dem ägyptischen und etruskischen Stil verbunden habe. Sehr ungerecht ist es ja in der Tat,
wenn einige Kritiker uns als Gesetz aufbürden wollen, daß wir nur dem Griechischen nachzustreben haben. Muß denn der
Genius unserer Künstler so jämmerlich durch den griechischen Geschmack versklavt werden, daß er es nicht wagen kann,
das Schöne auch anderwärts zu suchen, wo es keinen griechischen Ursprung hat? Darum laßt uns das beleidigende Joch
abwerfen und, wenn die Ägypter oder Etrusker uns in ihren Kunstwerken Schönheit, Anmut und Eleganz darreichen, auch
von ihrer Fülle borgen! Wir wollen aber auch nicht unterwürfig andere nachahmen, denn das würde die Architektur und die
anderen edlen Künste zu einem bloß mechanischen Geschäft herabwürdigen und müßte Tadel statt Lobpreis vom Publikum
ernten, das heute nach Neuheiten Ausschau hält und das nicht mehr, wie es vielleicht noch vor ein paar Jahren der Fall war,
sich für seine gute Meinung über das Verdienst eines Künstlers mit dem Entwurf zufrieden gab, wofern er nur den Regeln des
Geschmacks entsprach, und mochte er auch nichts weiter sein als die Kopie irgendeines alten Kunstwerks. Kein Künstler,
der sich Ansehen und Namen verdienen will, darf sich damit begnügen, ein getreuer Kopist der Alten zu sein, sondern er muß
sich, indem er sie studiert, als ein erfindungsreicher Genius, fast möchte ich sagen: als ein Schöpfer erweisen. Und während er
mit klugem Bedacht das Griechische, das Etruskische und das Ägyptische miteinander verbindet, öffnet er sich zugleich den
Weg, neue Ornamente und neue Ausdrucksmittel zu finden. Wahrhaftig, der menschliche Geist ist nicht so eng und beschränkt,
daß er für seine Bauwerke nicht immer neue Reize und Schönheiten ausfindig machen könnte, wenn er dem aufmerksamen und
gründlichen Studium der Natur ein ebenso sorgfältiges Studium der antiken Monumente beigesellt."
aus: Diverse Maniere d' Adonare i Cammini (Verschiedene Arten von Kamingestaltung), 1769
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