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  Kunstgeschichtliches Institut Bochum

 

Photographie parallel zur Architektur.
Interieurs und Häuser im Werk
von Thomas Ruff

Auszüge aus dem Katalogbeitrag von:
Sonja Claser

 

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Die Photographien von Thomas Ruff, die mit konventioneller photographischer Technik Architektur - Interieurs oder Außenaufnahmen von Gebäuden - abbilden, vermitteln eine direkte, neutrale Sicht auf das Dargestellte und sind jeweils nach denselben konzeptuellen Vorgaben aufgenommen worden. Für Ruffs Arbeitsweise ist es charakteristisch, daß ihm eine Aufnahme für jedes Motiv genügt. Die Photographien dokumentieren nicht eine Vielzahl von Ansichten ein und derselben Architekturen sondern avisieren Exemplarisches. Anstatt "die Verfügbarkeit und Beliebigkeit alles Sichtbaren zu demonstrieren und somit die Botschaft der technischen Medien wiederzugeben",[Anm. 1] wählt Ruff dabei bestimmte Motive, die oft gerade wegen ihrer Durchschnittlichkeit auch Zeittypisches aussagen.

Während seines Studiums an der Düsseldorfer Kunstakademie photographierte Ruff private Interieurs, deren Möblierung aus den 1950er bis 1970er Jahren stammte. Innerhalb dieser Motivserie lassen sich zwei Gruppen unterscheiden: Photographien, die einen räumlichen Gesamteindruck wiedergeben, und Aufnahmen, die sich in einer engeren Fokussierung auf einzelne Einrichtungsgegenstände konzentrieren.

Interieur
zur Gesamtansicht

Neben Photographien von Badezimmern, Küchen und Wohnzimmern finden sich in der Serie vor allem Aufnahmen von Schlafzimmern. Seit 1987 photographiert Ruff auch Bauten von außen. Anders als seine Lehrer an der Düsseldorfer Akademie, Bernd und Hilla Becher, erstellt Ruff dabei keine Gebäudetypologien. Seine Bilder eröffnen keine anschauliche Vergleichsebene, sondern sind wieder exemplarisch gemeint. Charakteristisch für Ruffs Häuseraufnahmen ist dabei gleichwohl die Wahl fester Parameter. So photographiert er Wohnhäuser und Schulen, Verwaltungs- und Fabrikgebäude in strikter Frontalität oder exakter Übereck-Perspektive, sorgt für gleichmäßige Schärfe und neutrale Beleuchtung und wählt immer den gleichen Aufnahmestandpunkt in ungefähr drei Meter Höhe. Störende Elemente werden, zum Teil durch Computerretusche,[Anm. 2] ausgeblendet; ein Umfeld der Gebäude wird nicht angegeben. Wie die Bechers bedient sich Ruff hier des standardisierten Aufnahmeverfahrens, um ein objektives photographisches Bild zu erzeugen.

Haus
zur Gesamtansicht

Dabei sieht Thomas Ruff die Gestalt der Fassaden selbst als aussagekräftige Zeugnisse ihrer Zeit: "Solche Gebäude repräsentieren mehr oder weniger Ideologie und Geschäft in der Bundesrepublik Deutschland in den letzten dreißig Jahren. Es sind ja nicht nur Fassaden, sondern die Gebäude stehen ja auch für etwas ein: etwa für den Geschmack des Erbauers oder den Ungeschmack des Erbauers oder den Geschmack des Architekten oder den Ungeschmack des Architekten oder für mangelndes Geld im Falle der Sozialbauten."
[Anm. 3]
Für den Photographen sind also formale Kriterien wie inhaltliche Aussagen der Aufnahmen gleichermaßen wichtig. Ohne Zweifel ist jede Architektur und deren Fassadengestaltung immer auch Ausdruck und Medium einer Zeit und Kultur. Daher muß Ruff auch nicht die repräsentativen Bauten einer Zeit auswählen. Seit der Erfindung der Photographie erzeugen ihre Bilder eine Simulation von Welt, die mit der Verbesserung der Techniken immer glaubwürdiger erscheint. In dieser Hinsicht spiegeln Ruffs Aufnahmen die Erwartungen, die der Betrachter an die Photographie stellt. Die Präzision der Häuseraufnahmen und die Ausblendung aller störenden Elemente im Bild bezeugen eine Verfügbarkeit, ein Sich-Aneignen-Können des Abgebildeten.
Gleichzeitig irritieren die Photographien jedoch aufgrund ihres geringen Informationsgehaltes. Die Aufnahmen Thomas Ruffs vermitteln daher nicht in erster Linie Erkenntnisse über die uns umgebende Umwelt, sondern über das Bild der Realität, welches eine direkte Erfahrung der Wirklichkeit zunehmend ersetzt.

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Anmerkungen:

[1] Theodora Vischer: Thomas Ruff. In: Aura. Die Realität des Kunstwerkes zwischen Autonomie, Reproduktion und Kontext. Ausst.-Kat. Wiener Secession Wien 1994. S. 30-32, hier S. 31f.

[2] Michael Cosar: "Freie Sicht auf das Objekt". Der Künstler Thomas Ruff im Gespräch mit M.C. In: Risz. 2, August 1994, H. 6, S. 13-16, hier S. 15.

[3] Ebd., S. 16.