Struktur und
Detail. Zu den neueren Architekturphotographien
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Mit der photographischen Darstellung des Verhältnisses von Mensch und Raum hat Andreas Gursky bereits Mitte der 1980er Jahre das zentrale Thema seiner künstlerischen Arbeit gefunden, das ihn bis heute mit unterschiedlichen motivischen Schwerpunktsetzungen beschäftigt. Stets aus erheblicher Distanz und mit großer Präzision photographiert, registrieren Gurskys Aufnahmen vom Menschen geschaffene Strukturen und die Positionierung von Individuen und Gruppen innerhalb der sie umgebenden Räume. Dabei sind seit Beginn der 1990er Jahre sowohl inhaltlich wie formal Ebene deutliche Akzentverschiebungen wahrzunehmen. Denn mit dem damals vollzogenen Wechsel von der Mittel- zur Großformatphotographie setzt zugleich eine thematische Neuorientierung ein. Hatte sich Gursky zuvor intensiv mit der Darstellung eher beschaulicher Alltags- und Freizeitszenen und mit dem Spannungsverhältnis zwischen Mensch, Natur und Technik auseinandergesetzt, so beginnt er sich jetzt für zeitgenössische Massenphänomene zu interessieren. Gurskys neuere Aufnahmen verdanken ihre Wirkung vielmehr einer zunehmend pointierten Artikulation der formbestimmenden Farb- und Flächenverhältnisse, d.h. einem erhöhten Abstraktionsgrad von den gegenständlichen Motiven. Indem der Künstler dabei auf Distanz zum Gegenstand der Abbildung geht, suggeriert er zugleich ein hohes Maß an Objektivität und Neutralität, das auch seine Aufnahmen von Börsensälen, Industrieanlagen oder zeittypischen Landschaften auszeichnet: Der gesellschaftliche Kontext, in welchen diese Motive Gurskys eingebunden sind, schwingt zwar immer mit, wird aber nicht eigens evaluiert. Auf diese Weise offeriert Gursky einen weiten Interpretationsspielraum, d.h. der Betrachter kann die Photographien individuell mit Bedeutung belegen. In einem Gespräch mit Bernhard Bürgi erläutert er diese Strategie: "Die Gefahr einer tautologischen Aussage wäre gegeben, wenn der Künstler das Bestehende bildhaft bestätigt, und eine Abstrahierung des Faktischen auf eine höhere Ebene nicht glücken würde. Wäre das fotografische Abbild nicht mehr als die Summe seiner einzelnen Teile, hätten wir es natürlich immer mit einem reproduktiven Abbild zu tun. Mir geht es bei meinen Bildern aber stets darum, daß ihr tatsächlicher Bedeutungszusammenhang unklar bleibt."[Anm. 1] Parallel zu den Architekturaufnahmen setzt Gursky in den neunziger Jahren die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Masse in zwei weiteren Werkgruppen fort. Während eine Gruppe von Bildern die Ordnungsprinzipien der Ansammlung von Menschenmassen etwa in Börsensälen untersucht, thematisiert eine andere Bildreihe die Organisation und Strukturierung von großflächigen Industrieanlagen. Sind Gurskys Aufnahmen von Architekturfassaden auf formaler Ebene durch ihren Antiperspektivismus charakterisiert, so lassen seine Bilder von Innenräumen das Eindringen des Blickes in die räumliche Tiefe zu. Angesichts der photographischen Arbeiten von Künstlern wie Andreas Gursky oder Jeff Wall läßt sich feststellen, daß sich das Wesen des Mediums Photographie verändert hat. Das ursprüngliche Versprechen der Photographie, die Wirklichkeit getreu abzubilden, ist längst aus verschiedensten Gründen diskreditiert. Vor allem die Möglichkeit der technischen Manipulation, der perfekten Simulation von Realität läßt es unglaubwürdig erscheinen. Was sich auf dem Gebiet des alltäglichen Umgangs mit technisch erzeugten Bildern zunehmend als Problem erweist, eröffnet im künstlerischen Bereich jedoch vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Den Künstlern erlaubt die digitale Bildbearbeitung weiter in Aufgaben- und Problemfelder der Malerei vorzudringen, da sich eine digital bearbeitete Photographie in ihrem Verhältnis zur Mimesis grundsätzlich nicht von einem gemalten Bild unterscheidet.Obwohl der Reiz der digital manipulierten Photographien Gurskys gerade darin besteht, daß sie im Rahmen des Wahrscheinlichen verbleiben, sind sie doch geeignet, die Trennschärfe der kategorialen Abgrenzung von Malerei und Photographie zu hinterfragen. Seine Photographien lassen sich als Sinnbilder begreifen, deren Erkenntnisgehalt zwar auf der Abbildfunktion der Photographie beruht, jedoch nicht von der Authentizität der photographischen Abbildung abhängt.
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Anmerkung: |
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